Kaffeetrinken mit Sarah – Gelesen

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Urlaub ist für mich stets gleichgesetzt mit Lesen. Die Bücher werden bereits Wochen vor dem Urlaub ausgesucht, gestapelt und schließlich in das Wohnmobil eingepackt. Ach ja, vorher werden noch die Gesellschaftsspiele, Spielkarten, Würfelpoker der Krautundrübenkinder aus dem Fach im Womo ausgeräumt, um Platz für die Bücher zu schaffen, die mengenmäßig gut gemeint eingepackt werden, schließlich soll genug Lesestoff da sein. In die vordere Korbkiste, die zwischen dem Fahrer- und dem Beifahrersitz steht, kommen die Reiseführer, die dementsprechend Lesezeit bedürfen werden, da wir das zu bereisende Schweden als Land nicht kennen. Ich habe vor, während der 1.100 km langen Fahrt auf der Autobahn durch Deutschland bei eintöniger Landschaft Herrn Krautundrübe aus den Reiseführern zu Schweden vorzulesen und mit meinem ersten Urlaubs-Buch zu beginnen.

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Verleitet vom Titel Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken von Sarah Lorenz starte ich bereits noch zu Hause mit dem ersten Kapitel, das sehr vielversprechend beginnt. Ich lege das Buch aber wieder weg und behalte mir das Lesen bewusst für die Urlaubstage vor, gespannt, denn ein Buch mit diesem Titel müsste ein ganz besonderer Lesegenuss sein. Nun ja, im Grunde bleibt es beim tollen Titel, der Lesegenuss stellt sich trotz des (gefühlt) gelungenen ersten Kapitels nicht wirklich ein.

Worum geht es in diesem Buch?

Es geht um Elisa, die als Kind mit ihren Eltern in einem einen kleinen Häuschen – wohl in Norddeutschland – aufwächst. Das ist insofern wichtig, da Elisa im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder darauf zurück kommt. Die Eltern trennen sich, die Mutter, die noch relativ jung zu sein scheint, wie sich im weiteren Verlauf der Geschichte herausstellt, kann dem Kind Elisa nicht die nötige Liebe geben, das Mädchen sucht ihr Glück auf der Straße in Köln, mit dem großen Wunsch als Punkerin von den anderen Punkern ernst genommen zu werden und mit Heroin ihr junges Leben zu krönen. Diese schwierige Geschichte der jugendlichen Elisa erfährt man bereits in den ersten Kapiteln. Nun würde man von Seiten der Leserschaft vielleicht erwarten, diesen (Lebens)Abschnitt abgeschlossen und ausreichend dargestellt zu haben. Nix da, es geht weiter mit der ersten Liebe inklusive sehr detaillierten Beschreibungen der punkigen Unterkunft, es geht weiter mit der zweiten Liebe und der detaillierten Beschreibung der punkigen Unterkunft. Als das endlich durch ist, ist meine Erwartung groß, dass das Jugendkapitel und Elisa als junge Erwachsene endlich besprochen sind, aber nix da, es geht weiter mit den Suchtgeschichten und den wirklich grausamen Missbrauchsdelikten von Männern, die die Schwäche von obdachlosen, suchtkranken jungen Frauen ausnützen. Dazwischen wieder vergebliche Liebesgeschichten, irgendwann wird dem Papa der Elisa ein Kapitel gewidmet, der am Ende jedoch stirbt. Es gibt insgesamt sehr viel Tragik, die Sarah Lorenz durchaus mit einem Augenzwinkern darstellt, was der Geschichte dann doch die Schwere nimmt. Letztlich findet Elisa in ihrem Ehemann das Glück, das sie lange gesucht hat.

Bücher sind für Elisa schon sehr früh ein ständiger Begleiter. Als sie auf die Werke von Mascha Kaléko trifft, fühlt sie mit der hervorragenden Künstlerin eine Seelenverwandtschaft. Und so führt sie mit Mascha Kaléko immer wieder Dialoge, die die Kapitel abrunden sollen. Jedes Kapitel wird durch eines der hervorragenden Gedichte Kalékos eingeleitet, was dem Buch eine besondere Note gibt und es auch aufpeppt. Die Dialoge bleiben aber bemüht, eher belanglos und beliebig. Es wirkt, als ob die Autorin eine gute Idee – nämlich die Gedichte und Zwiegespräche mit Mascha Kaléko – einbringen will, die sie dann aber nicht besonders gelungen umsetzen kann.

Warum habe ich mir mit dem Buch schwer getan?

Ich habe mich bemüht, alleine wegen des ansprechenden Buchtitels, dem Buch etwas abzugewinnen, aber es scheiterte. Dabei muss erwähnt werden, dass die Geschichte laut der Autorin Sarah Lorenz stark autobiographische Züge trägt, die es hier natürlich nicht zu bewerten gilt. Der Schreibstil gefällt mir eigentlich gut, es liest sich leicht, bleibt im Fluss, weicht aber nicht ab von einer gewissen Jugendlichkeit, was vielleicht auch daran liegen mag, dass es letztlich zu wenig in die Tiefe geht, immer in der Perspektive der jugendlichen und jungen Elisa bleibt, was in Anbetracht des Alters der Autorin – um die 40 – erwartbar gewesen wäre. Die Zwiegespräche mit der großartigen Mascha Kaléko sind von der Idee her gut, wirken aber patschert. Mehr Tiefgang und weniger emotionale Dramatik hätten dem Buch gut getan.

Was mir aufgefallen ist.

Ich meinte, die Autorin in Verbindung mit dem Bachmann-Preisträger*innen-Lesen wahr genommen zu haben, worin ich mich täuschte. Wohl aber ist Sarah Lorenz im deutschsprachigen Raum als Influencerin bekannt, wobei ich mir nicht sicher bin, ob dieser Begriff für sie so passt. Sie postet als @buchischnubbel auf sämtlichen Social Media-Kanälen, vor allem Bluesky und Instagram, wo sie ihre Stärken gut präsentiert. Neu ist für mich, dass die Geschichte aus dem Buch in den sozialen Medien wie Instagram weiter geht, indem Sarah Lorenz Plätze ihrer Kindheit, wie das Haus mit dem Reetdach, postet, auf Begebenheiten, die in ihrem Buch vorkommen verweist und viel Einblick in ihr Leben teilt. Sarah Lorenz kommt mit ihren Postings sehr sympathisch rüber, ich hätte ihr Buch gerne für gut befunden.

Mein Fazit.

Ich würde gerne mit Sarah Lorenz Cappuccino trinken und warte gespannt auf mehr.

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Sarah Lorenz hat es auf alle Fälle geschafft, meine Begeisterung für Mascha Kaléko zu stärken. Vorausschauend habe ich mir zwei Lyrikbände von Mascha Kaléko eingepackt. Der eine Band Ich tat die Augen auf und sah das Helle. Gedichte und Prosa (Ausgewählt und mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann) beinhaltet neben hauptsächlich Gedichten auch Texte von Mascha Kaléko ausgesucht und zusammengestellt von Daniel Kehlmann, der andere Band Sei klug und halte dich an Wunder (herausgegeben von Gisela Zoch-Westphal und Eva Prokop) hingegen Gedichte.

Mascha Kaléko ist 1907 in Polen geboren und 1975 in Zürich gestorben. Sie verbrachte ihre Jugend und frühes Erwachsenenalter in Berlin und emigrierte mit Mann und Sohn im Zuge der Judenverfolgung im September 1938 nach New York, wo sie nie heimisch wurde. Ihre Rückkehr nach Berlin entsprach schließlich nicht ihren Vorstellungen, worauf sie mit ihrem Mann nach Jerusalem auswanderte. Ein weiterer Schicksalsschlag traf sie mit dem Tod ihres Sohnes. Aus ihrem Leben gingen eine Fülle von melancholischen Gedichten hervor. Die Gedichte handeln von Liebe, Abschied und Einsamkeit, von finanziellen Nöten, von Sehnsucht und von Traurigkeit, wobei die einzelnen Reime nicht strapaziert künstlich sondern natürlich aneinander gereiht sind.

Dota Kehr und Sarah Lesch Vertonung des Gedichts „Zeitgemäße Ansprache“ von Mascha Kaleko.

 

Frau Krautundrübe

 

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