Comidians

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Der Zufall führt mich zu einer kulturellen Veranstaltung, die in einem Traditionslokal meiner Stadt stattfindet. Die Location gibt es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Es wurde von der Familie Aufschläger, die im besagten Haus wohnte, als „Cafe Aufschläger“ eröffnet, änderte den Namen schließlich zu „Cafe München“, um nach dem 2. Weltkrieg zum „Theatercafe“ zu werden, das es bis heute geblieben ist, eine Stätte der Kunstliebhaber:innen. Das Theatercafe liegt einigermaßen im Zentrum von Graz, nicht ganz in der Innenstadt, sondern am Ende einer wichtigen Zubringerstraße in das Zentrum, der Mandellstraße. Seit vielen Jahren findet hier personell und organisatorisch getrennt – ein ständiger Veranstaltungsbetrieb der Kleinkunstbühne Hin und Wider statt. Vor allem in Österreich namhafte Kabarettist:innen bekamen hier dank Aufttrittmöglichkeiten eine Bühne. Der Höhepunkt ist jedenfalls seit 40 Jahren der Kleinkunstwettbewerb im März, wo sich an drei Vorrundenabenden Künstler präsentieren können, die noch wenig Bühnenerfahrung haben. Der/die Sieger:in im Finale des Kleinkunstwettbewerbes ist schließlich der/die Gewinner:in des Kleinkunstvogels, einer Trophäe, die jährlich von Schüler:innen der Ortweinschule, einer HTL für künstlerische Berufe, gestaltet werden.

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In unserem Fall, steht der Sieger und die Siegerin für den Publikumspreis bereits fest. Herr Krautundrübe ergattert Karten für den Tag danach, das sogenannte „Schaulaufen“ der Finalist:innen des Kleinkunstwettbewerbs. Die Künstler:innen haben nochmals die Gelegenheit sich vor einem Publikum im ausverkauften Theatercafe zu präsentieren. Der Zugang zum Cafe verläuft über einen Hinterhof. Durch einen engen Gang, vollgeklebt mit Plakaten, werden wir von einem bezopften Mann nach unseren Eintrittskarten gefragt. Es fallen mir insgesamt viele bezopfte Männer – jüngere und ältere – auf, ein neuer alter Trend? Wir setzen uns an den für uns reservierten Tisch, wo unsere Freunde bereits bei variantenreichen Eierspeisen sitzen, für die die Küche hier bekannt ist. Das Mobiliar besteht aus einfachen Holztischen und Holzstühlen, die Bänke sind mit rotem Samt überzogen, die Wände sind gelblich und mit vielen gerahmten Bildern von Veranstaltungen während der letzten 50 Jahre versehen. Es wirkt nicht kitschig, sondern sehr authentisch sogar. Der Gastraum ist übervoll, auf der Bühne raschelt es, als sich die Vorhänge lichten und der erste Comedian auftritt. Ich habe es ja nicht so mit den Kabaretts, brauche auch oft lange, um die Pointen zu verstehen. Auch beim ersten Auftretenden bin ich mir nicht sicher, ob die Pointen so intellektuell sind, dass ich sie nicht verstehe, ich lache jedenfalls wenig, oder ob ich einfach noch nicht eingelacht bin. (Herr Krautundrübe versichert mir danach, dass die Pointen dieses Comedians einfach nicht lustig und wenig ausgefeilt waren. Kann ja passieren.) Die weiteren Auftretenden sind jedenfalls besser, ich lache mich langsam ein und locker. So lache ich über die Parodie einer dümmlich dargestellten, jungen Drogeriemarktverkäuferin, obwohl ich es billig und einfach finde, junge, dümmliche Drogeriemarktverkäuferinnen zu parodieren. (Political correct? Aber nein, ich bin doch keine Spaßbremse!) Noch herzhafter lache ich über die Darstellung einer Finalistin, die sehr überzeugend über das Altern redet und sich selbst dabei auf die Schaufel nimmt. Dazu kommt ein herrliches Finish über das Verhalten alternder Männer in der Sauna. Wie treffend!

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Der Gewinner des Kleinkunstvogels ist Jonas Bonas. Er überzeugt nicht nur die Finaljury der Kleinkunstbühne Hin & Wider:

„Die ausgezeichnete Person besticht mit ihrem authentischen und durchaus auch kindischen Approach. Mit souveräner Bühnenpräsenz, funkensprühender Fröhlichkeit und ohne Scheu vor noch so blöden Wortwitzen bietet sie allen Gen-Z-Klischees mutig die Stirn.
Gratulation an Jonas Bonas.“

Das Programm besticht durch die Rede der Gen Zs, der Digital Natives, die mich aber low key* langweilt, oder wie es Jonas Bonas selbst überzeugend darstellt: „Es gfreit mi grod net.“.

(low key ist das derzeitge Lieblingswort des Pubertiers. Die meisten Wörter kann ich gut zuordnen, aber low key gab mir zunächst Rätsel auf. Ich verstand nämlich immer ‚loaky‘ und gab es in die Kategorie „non-sense-Wort“, so wie 67, bis ich es wieder in einem Kontext hörte, der mich danach suchen ließ und siehe da – es meint nicht ‚loaky‘, sondern ‚low key‘ – und es wird oft auch „loki“ geschrieben, was low key erbarmungslos ist.)

 

Frau Krautundrübe

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