Der Frühling macht sich breit. Er schleicht sich nicht an, er lauert nicht, er ist einfach da, wie immer ganz vertraut, die Vögel zwitschern lauter, ich freue mich über den ersten Zitronenfalter, zaghaftes Surren der noch verschlafenen Fliegen, zaghafte Knospen in der Wiese, offene Fenster, um den Winter auszulüften, viel mehr Menschen gehen an meinem Haus vorbei. Ich habe schon darauf gewartet.
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Wie es in der Stadt nun zugeht bei diesem explodierenden Frühlingserwachen kann ich leider grippegeplagt nur von meinem Krankenbett aus erahnen. Ich sehe in den regionalen Fernsehnachrichten volle Gastgärten mit leuchtenden Aperol-Spritz Gläsern zu sonnenbebrillen Menschen. Zudem wird über einen jungen Mann mit einem Handwagen berichtet, der Begegnungen in der Stadt schaffen möchte. Ich schweife noch während des Berichts gedanklich ab, an die Tage in Wien letzte Woche, wo ich zufällig über den Krautundrüben-Neffen in der Albertina Modern lande. Mit der Krautundrüben-Schwester im Schlepptau peile ich in der Annahme, dass die Albertina Modern ein Teilbereich der Albertina ist, die innerste Wiener Innenstadt an. Ich habe mich getäuscht, die Albertina Modern ist am Karlsplatz, wir kratzen die Kurve, ich sehe das Stadtkino im Künstlerhaus, das ich kenne , das Gebäude des Musikvereins und – oha – die Albertina Modern, die mir noch nicht eher dort aufgefallen wäre, was sehr viel über meine Beschäftigung mit moderner Kunst aussagt. Ich zögere auch kurz noch, um mich dann doch für die Ausstellung von Marina Abramovic zu entscheiden. Meine Moderne-Kunst-Unkenntnis geht sogar soweit, dass ich Marina Abramovic nicht kenne. Nachdem mir der Krautundrüben-Neffe und die Krautundrüben-Schwester vermitteln, dass man Marina Abramovic einfach kennt, sehe ich das als (mittel)arges Versäumnis und kaufe ein Ticket.

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Marina Abramovic kennt man also. Für alle, die sie – so wie ich – nicht kennen, Marina Abramovic ist eine serbische Performance- und Konzeptkünstlerin, die offenbar mit ihrer aktionistischen Performance seit den 1970er Jahren Aufsehen erregt. Dabei legt sie stets Wert darauf, das Publikum einzubeziehen. Oft ist das Publikum sogar ein wesentlicher Teil der Performancekunst. Für ihre Kunst stellt sie ihren eigenen Körper zur Verfügung. Sie möchte die Grenzen der Zuschauer und auch ihre eigenen Grenzen überschreiten, und sie setzt dabei sogar ihr Leben aufs Spiel. Während die Kenner und Kennerinnen mit Stirnrunzel und kritischen Augenbrauen den Werken begegnen, bin ich vollkommen eingenommen und begeistert von der Ausstellung. Vor allem – und da schließe ich den Kreis zu dem oben erwähnten jungen Mann mit Handwagen und Ziel Begegenungen im frühlingshaften Graz zu schaffen – die Performance „The Artist is Present“ fasziniert mich. Im Jahr 2010 im Museum of Modern Art in New York, wo Marina Abramovic über 700 Stunden unterschiedlichen Menschen gegenübersaß. Man konnte sich so lange, wie man möchte Marina Abramovic gegenübersetzen, was bei den Beteiligten unglaubliche Emotionen bewirkte. In einem Gang sind auf einer Seite die Fotos von Marina Abramovic und auf der anderen Seite des Ganges das Foto des jeweiligen Gegenübers. Ich empfinde die gesamte Ausstellung in der Albertina Modern als sehr intensiv und berührend und fühle mich mitgenommen und dabei.

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Als ich nach der Ausstellung in meine Unterkunft gehe, sehe ich in der Burggasse noch eine sehr originelle Installation. Nistkästen aus getoasteten Broten für ausgestopfte Vögel. Ich lese den Text „bed and breakfast – all in one“. Die Installation bezieht sich auf die starke Gentrifizierung des Stadtviertels und die schwieriger werdende Wohnungssituation in touristisch stark frequentierten Städten. Ich konnte die Organisation nicht ausmachen, aber es dürfte wohl „Recht auf Stadt“ bzw. im Umkreis dieser Organisation zu verorten sein, die sich für einen gerechten Wohnungsmarkt und die „Stadt für Alle“ stark machen. Dabei werden vor allem auch die Online-Plattformen wie Airbnb in die Mängel genommen, die aufgrund der starken touristischen Nutzung wesentlich zur Gentrifizierung von Stadtvierteln beitragen. Ich erreiche meine sehr originelle Pension in der Lange Gasse, unterhalte mich kurz mit der jungen Frau an der Rezeption, die hier ihren Studentenjob verrichtet, trinke noch einen Melange und genieße das Wienerische


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Die Sonne scheint – noch enden wollend, da früh hinter dem Berg verschwunden – durch mein Fenster und es ist sehr ruhig. Obwohl ich das Großstadtleben oft so vermisse, bin ich froh über mein Landleben. Der Liegestuhl ist vorbereitet und mal schauen, was die Leselektüre Antigone von Jean Anouilh bringt.
Frau Krautundrübe