Quiet Luxury

Veröffentlicht am Keine Kommentare zu Quiet Luxury

Die Tage trotten dahin trotz Frühlingsstrahlen. Der Kopf ist bei der Arbeit, leider auch nachts. Zwischendurch schweife ich zum Bevorstehenden ab, indem ich hin und hergerissen mich noch immer nicht für ein Leichtzelt entschieden habe und hin und herschwanke, was ich bei der anstehenden Hochzeit anziehen werde.

++++

Die angeheirateten Nichten kommen nämlich ins Heiratsalter. So steht die erste Hochzeit in drei Wochen an. Hierfür wurde ein Gut in der Südoststeiermark ausgewählt, das offenbar auf Hochzeiten spezialisiert ist. Die Website zeigt einen eigens geschaffenen Platz für die Brautpaare, die sich unter einem Rosenbogen oder Pavillon sitzend auf einer Platform eines künstlich angelegten Teichs das Ja-Wort geben können. Standesbeamtin, Umtata-Musik, Ankunftsprosecco, Hochzeitstafel, Hochzeitstorte und Hochzeitssuite stehen dort zur Verfügung. Ich bringe uns mit der jungen Krautundrüben-Mischpoke in der Jugendherberge unter, jedenfalls gut fußläufig zur Hochzeitslocation. Der Dresscode ist „modern“, dies soll als Gegensatz zu „steirisch“ bzw.“trachtig“ verstanden werden, was mich im ersten Moment erleichtert stimmt.

++++

Ich drehe deshalb unlängst noch eine Runde in der Innenstadt, um ein wenig nach einem passenden Hochzeitsoutfit zu schmökern, was mich unter anderem in Läden führt, die ich sonst für meine Garderobe eher nicht aufsuche. Bereits im ersten Laden werde ich nach meinem bevorzugten „Look“ gefragt. Ich blicke die sehr elegante Dame überrascht an. Sie antwortet ungeduldig und sagt etwas von Quiet Luxury und Cottage-Style. Etwas konsterniert über diese Frage verlasse ich schnell wieder den Laden – es gibt dort ohnehin zu viel Beige und Golddeko, was sicher nicht zu meinem „Look“ gehört. Ich denke an den lustigen Journalisten, der unlängst zu einer Vorsommer-Beach-Party an den Wörthersee in Kärnten mit dem Dresscode „Dubai Chic“ geladen war. Der sogenannte „Dubai Chic“ bezeichnet einen luxuriösen, glamourösen und stark von Designerlabels geprägten Modestil, der moderne Eleganz mit Elementen der Modest Fashion verbindet (sinngemäß nach Sand Dollar Dubai), wie ich nun weiß. Der Journalist verzichtet schließlich ob der fehlenden repräsentativen Markenkleidung in seinem Kleiderschrank auf die Wörthersee-Beach-Party und verbringt einen schönen Kulturabend in seiner zeitlosen Kärntner Tracht.

++++

Den Abend verbringe ich mit der Recherche von zeitgenössischen Modestilen, was sich als höchst interessant herausstellt.

Was mein Look jedenfalls alles nicht ist: Minimalistisch nein, auch kein Clean Chic, kein Techwear-Style mit funktionaler, futuristischer Kleidung mit Outdoor-Einfluss, kein Y2K inspiriert von den frühen 2000ern, kein romantischer Cottagecore, kein Athleisure oder Gorpcore, denn Jogger und Bergschuhe gehören nicht zu meinen alltäglichen Modeaccessoires. Dark Academia – Tweed, Rollkragen und Brauntöne entsprechen nicht meinem Kleiderstil, ebensowenig wie Avantgarde und Scandinavian-Style, oder Indie Sleaze Revival, Clean Girl, Vintage und Genderfluid. Auch dem Bobo-Stil kann ich wenig abgewinnen, wie gepunkteten oder gestreiften Strümpfen kombiniert mit „mutigen“ Farbkombinationen.

Herrjemine, dann bleib ich eben stillos unstylish.

++++

Nachdem ich in den letzten Tagen im Gedanken sämtliche Begegnungen nach ihren Kleiderstilen eingeordnet habe – Minimalistisch, Vintage und Dark Academia liegen vorne, gehe ich schließlich in meinen bevorzugten Laden, der einerseits für Nachhaltigkeit steht und andererseits Mode von jungen Modemacher:innen anbietet. Die Kleidung, die hier angeboten wird, entspricht eher dem minimalistischen Stil, man findet sich immer wieder etwas, ist auch nicht ganz günstig und man hat ein gutes Gefühl, wenn man dort einkauft. Ich halte mich auch gar nicht lange in dem Laden auf, probiere nochmals die Hose, die ich schon länger im Blick habe, die mir aber bislang zu teuer war. Nun scheint mir die Hose passend für mein geplantes Hochzeitsoutfit zu sein, der Preis dafür zwar hoch, aber adäquat für den Anlass. Während ich der Angestellten die Hose zum Verpacken überreiche, schaue ich mich noch im Laden um. Nach dem Bezahlen möchte ich mein Hosenpaket übernehmen, bekomme aber ein Papiertütchen von 20 x 15 cm, in das die Angestellte meine Hose hineingestopft hat. Ich bin innerlich irritiert, mustere die Angestellte und vermisse ein wenig das Quiet Luxury.

 

Frau Krautundrübe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert