Schön ist es heut!

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Es ist sommerlich heute, es regnet zwar immer wieder, aber wenn die Sonne scheint, ist es angenehm. Es ist aber auch schön, weil ich heute meine Ruhe hab! Sie sind alle über das Wochenende ausgeflogen! Ich kann schnell ruhig werden, setze mich in den Garten, lausche den Vögeln, nehme Musik wahr, eine Hochzeit vielleicht und dann unterbricht kurz ein Jubelgeräusch meine Idylle. Ach ja, die Fußball-WM, aber nein eher die hiesige Lokalmannschaft um diese Zeit am frühen Abend?

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Die Fußball-WM kommt überraschend über mich! Sie würde an mir vollkommen emotionslos vorbei gehen, wären da nicht die Eskapaden rund um den amerikanischen Präsidenten, die die Krautundrüben-Herren empören und mir wiederholt mitgeteilt werden. Außerdem gibt es diesmal in der Stadt kaum public Fußball viewing, da viele Spiele nach Mitternacht ausgetragen werden. Trotzdem scheint sich alles um den Fußball zu drehen, es wird zumindest stundenlang im Hauptabendprogramm analysiert, sodass ich auf die Usedom-Krimis, Tatort, Die Toten vom Bodensee oder Laim wohl in nächster Zeit verzichten werde. Ich kenne bereits von vorangegangenen Fußballereignissen meine Strategie, die mich auch gestern wieder ins Theater im Grazer Schauspielhaus führt. Dieses Stück steht ohnehin auf meiner Ungebdingt-Sehen-Liste, und das nicht nur, weil meine Nachbarin dort einen wichtigen Musikpart innehat, sondern auch wegen des aussichtsreichen Titels Kafana Beisl Culture Clash – Eine balkanmusikalische Komödie von & mit Sandy Lopičić.

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Da ich eine sehr anstrengende Woche hinter mir habe und mir zwecks Wochen-Erschöpfung nicht sicher sein kann, ob ich letztlich wirklich Lust auf Theater habe, kaufe ich eine Billigkarte im obersten Rang in der Mitte, den ich mit sehr wenigen Leuten teile. Ich sehe alles gut von der Vogelperspektive, versuche schließlich zwecks Optimierung einen Platz in einer der vorderen Reihen, der schon deutlich teurer gewesen wäre, stelle aber fest, dass ich von zuoberst am besten sehe. Das Stück nimmt mich sofort mit – Graz gilt als Tor zum Balkan, vielleicht deshalb die Affinität zur Musik und zu den Leuten.

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Dem war sicher nicht immer so. Das Stück spielt im Jahr 1975 in Österreich: Das Ehepaar Bane und Jana haben ihre jugoslawische Heimat verlassen und eine Kafana (ein Beisl) in Graz eröffnet. Die Kafana wird stets von denselben Leuten besucht, die ebenfalls Gastarbeiter*innen sind. Die Kafana wirkt aber trotz der lauten Rockmusik des Wirten eher beschaulich. Es schwingt diese gewisse Ratlosigkeit mit, die Ankömmlingen oft eigen ist. Das Leben der Wirtsleute gerät schließlich ins Wanken, als ein behördlicher Brief den Abriss der Kneipe ankündigt. Die rettende Idee bringt Anwältin Martha: Die Kafana müsste zu einem jugoslawischen Kulturverein werden, um dem Abriss zu entgehen. Die anfängliche Skepsis weicht dem Tatendrang, Familie und Gäste schaffen es letztlich mit traditioneller Balkan-Musik den Abriss zu stoppen.

Thematisiert wird hier das Wegwollen und Ankommen. Musiker, Regisseur und Autor Sandy Lopičić hat dieses Stück eigens für das Ensemble des Schauspielhaus Graz verfasst. Es werden mit Augenzwinkern Traditionen und Stereotype auf den Kopf gestellt. Großartig ist auch das Zusammenspiel der einzelnen Volksgruppen, die sich vor allem im Musikalischen widerspiegelt, indem Mazedonen serbische Lieder „erlernen“ und umgekehrt. Die Protagonist*innen stammen aus unterschiedlichen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens und treffen in den 1970er Jahren in Österreich aufeinander. Jede und jeder bringt eine eigene sprachliche Identität mit. Es läuft schließlich auch auf das Verbindende der gemeinsamen musikalischen Wurzeln in Anbetracht der kriegerischen Auseinandersetzungen in den 1990er Jahren hinaus, die bis heute wirken.

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Eine wesentliche Rolle, nach meiner Interpretation als „jugoslawischer Geist“, hat der Schriftsteller Ivo Andrić inne, der in Bosnien Ende des 19. Jahrhunderts in eine kroatische Familie geboren wurde, sich selbst als Erwachsener aber als Serbe bezeichnete. Er war ein Anhänger des jugoslawischen multiethnischen Staatsgedankens, stellte aber andererseits gerade die Problematik des Zusammenlebens verschiedener Kulturen dar, das sich einzig in der gemeinsamen Musik nivelliert.

‚Alles im Leben ist eine Brücke – ein Wort, ein Lächeln, das wir dem anderen schenken.‘ – Ivo Andrić

Multikultureller Frauenchor Sosamma aus Graz

 

Frau Krautundrübe

 

 

 

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