Mein Nicht-Schreiben ist den außerordentlich gefüllten Arbeitsalltagen geschuldet. Dabei läuft es durchaus abwechslungsreich ab, zumindest das Inhaltliche betreffend. Der physische Ablauf bleibt allerdings tagtäglich derselbe. Ich sitze zum Homeoffice in meinem Arbeitszimmer, ich sitze die übrigen Tage in meinem allzu abgeschiedenen Büro an der Uni, und an den Wochenenden gönne ich mir einen Platz an meinem Esstisch mit geduldeter Geräuschkulisse aus dem Radio oder neuerdings stundenlangen Übertragungen zu den olympischen Spielen. Das Wetter ist stets tiefnebelig grau, mittelkalt und feucht bis regnerisch, eigentlich ideal zum Arbeiten.
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Ich sitze sozusagen tagtäglich an meinem Laptop, und bin befasst mit dem Verfassen von wissenschaftlichen Texten oder dem Gestalten von Folien für die bevorstehenden Lehrveranstaltungen und Vorträge. Vor allem das Gestalten von Folien und neuerdings auch Unterrichtsmaterial für Schüler*innen, die im Februar über ein von meinem Institut propagierten Programm für Schulen die Uni fluten, kosten mich viel Zeit und lassen mich den Pubertier zu Hilfe rufen. Er überzeugt schließlich mit seinen von einer KI generierten PPT-Folien zu Themen im Fach Biologie und Physik . In den Schulalltag scheinen sämtliche KI-Anwenundgen bereits Einzug gehalten haben. Ich sehe es locker, solange Tests und Schularbeiten handschriftlich auf Papier verfasst werden. Voller Hoffnung recherchiere ich die AI Powerpoint Creation Apps, die mir der Pubertier nennt, und versuche mich durch die gängigen Chatbots. Es funktioniert nicht, was meint, das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend. Einerseits beruhigend, dass mir keine KI-Anwendung das Wasser reichen kann, andererseits wäre es mir eine sehr gelegene Zeitersparnis.
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Ich beschäftige mich sonst eigentlich nicht besonders mit dem Thema KI. Im Gegensatz zu vielen Menschen, die – oft intellektuell bewandert aus dem geisteswissanschaftlich-humanistischen Bereich – sich sehr viel Gedanken darüber machen. Ich sehe KI-Anwendungen hauptsächlich als Tool, das mir hilft, Zeit zu sparen. So liebe ich meine Übersetzungsapp und liebe es noch mehr, Seiten aus Büchern abzufotografieren, die in diversen Sprachen verfasst sind, durch meine Übersetzungsapp zu jagen und innerhalb von Sekunden die deutsche Version zu lesen. Tatsächlich leidet mein Englisch, Französisch und Türkisch darunter, was ich mit der Duolingo-App wieder auszugleichen versuche. Es ist leider verflixt verhext.
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Freilich bemerke ich den zunehmenden Einfluss von KI und Chatbots in den sozialen Medien. Auch mein lieber Nachbar, ein Mann mittleren Alters, leidenschaftlicher Anhänger der Rechtspopulisten, der seine Posts und Kommentare gerne aus der tiefen untersten Schublade hervorholt, versucht sich seit Neuem an der KI. Anders kann ich seine gemäßigten Posts, die hauptsächlich Werbung für die Rechtspopulisten beinhalten, in einem geschliffenen Deutsch, ausgeführt mit Argumenten, sachlich kompetent, nicht einordnen. Interessiert am weiteren Verlauf seiner ausgefeilten Posts, staune ich unlängst nicht schlecht, als das Posting des Nachbarn, dessen Frauenbild ebenfalls in der tiefen unteren Schublade weilt, wiederum sehr ausführlich und argumentativ ausgeklügelt über ein pro-feministisches Thema handelt. Da hat ihm sein Chatbot aber ordentlich ein Schnippchen geschlagen, wohl seiner fehlenden Lesekompetenz geschuldet.
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Ich werde den Herrn Nachbar sicher nicht auf die KI-Vorlese-App aufmerksam machen, die Richtung diverser KI-basierter Chatbots ist ohnehin absehbar und die Tendenz, dass – wie so oft – Gutgemeintes von den Rechtspopulisten vereinnahmt wird, auch hier zu beobachten.
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Was wird die Konsequenz sein? Rückzug, Biedermeier-Revival? Verhextes Verflixtes.
Frau Krautundrübe