Wien, Wien (1)

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Die Vorfreude ist groß. Nach den langen, grauen Wintertagen stehen über Fasching ein paar Kulturtage in Wien an. Der Zug ist im Vorfeld zu einem sensationell günstigen Preis gebucht, die Fahrt ist angenehm, da der Zug angenehm leer ist, sodass man zu keinem Blickkontakt mit fremden Menschen gezwungen ist. Ich höre ein leises Murmeln, kann es aber nicht zuordnen und ein leises Singen. Ich tippe der Stimme nach auf eine junge Frau. Es ist angenehm. Ich lese ein Buch über antike Theater, sehe den Chor vor mir und versuche die Musik des Auleten zu spüren, der die Choreuten begleitet. Angeblich hat der Aulos nichts mit einer Flöte, er wird oft als „Doppelflöte“ bezeichnet, zu tun, sondern ähnelt eher einer Oboe. Ich lausche dem Gesang der Frau in meinem Abteil, mit hoher, aber feiner und zarter Stimme singt sie, während draußen ein Schneesturm tobt, der durch den Fahrtwind des Zuges verstärkt wird. Der Wetterbericht für Wien sagt anhaltende Schneefälle voraus, ich hoffe auf zunehmende Plusgrade, die das Wetter umkehren. Die Schneeflocken wirbeln auch in den von Wien vorgelagerten Weinbergen, der Zug passiert ein Kloster, das mir so noch nie aufgefallen ist, das aber direkt an der Südbahnstrecke liegt.

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Ich nehme in Wien den D-Wagen, eine Straßenbahn, die vom Hauptbahnhof vorbei am Schloss Belvedere über den Schwarzenbergplatz den Ring passiert. Ich steige beim Rathaus aus und gehe den Weg über die Josefstädter Straße in mein Quartier, wo ich mit der Krautundrüben-Schwester verabredet bin. Die Unterkunft ist einfach und sensationell günstig, aber trotzdem sehr wienerisch. Wir stärken uns vor unserem Theaterbesuch in der Gastwirtschaft Zur Stadt Paris, die offenbar durch Neuübernahme zur Gastwirtschft Blauensteiner wurde. Das Wienerische wird hier weiter serviert, ich persönlich finde den neuen Wirt – Herrn Blauensteiner? – ein wenig zu „aufmerksam“ und fand die zwei grummeligen jungen Vorpächter origineller. Die Eiernockerl und Gspritzen Weiß sind aber hervorragend, die Salatportion ist mir dafür zu dürftig. Man genießt das Wienerische dort, um es auf den Punkt zu bringen.

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Es geht zurück in die Unterkunft zum Aufbrezeln für das Burgtheater. Hinein in die Stöckelschuhe, Lippenstift ist aufgetragen, Strümpfetest bezüglich Laufmaschen bestanden, alles paletti. Die Krautundrüben-Schwester – ebenfalls wenig Stöckelschuh- und Lippenstift-affin – und ich tasten uns im Siegenhaus die Stufen hinab, da der Wiener-Altbau-Aufzug bei der Krautundrüben-Schwester schlechte Assoziationen weckt. Wir stelzen die ca. 800 m ins Burgtheater – oh wie sehr sehne ich mich nach meinen flachen Stiefeletten. Im Burgtheater gut angekommen suchen wir unseren Rang – nicht der letzte ganz oben, aber doch recht oben und bewundern das tolle Gebäude. Die Theaterbesucher*innen scheinen keine große Lust auf Aufbrezeln zu haben – viele Jeans und karierte Hemden mit Trekkingschuhen – was ist denn da los? Wir empören uns über diesen Kulturbruch.

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Das Nestroy-Stück Zu ebener Erde und erster Stock habe ich aufgrund von interessanten Kritiken und wegen des vielversprechenden Bühnenbildes ausgesucht. Es geht nach Nestroyscher Manier um Glück und Unglück, Arm und Reich, Verschwendung und Verzicht. Hier ist der Klassenkampf symbolisch dargestellt, indem zu ebener Erde die armen, aber lebensnnahen Menschen leben und im ersten Stock, die reichen Heuchler, die durch Hinterlist und Täuschung moralisch höchst bedenklich ihr Leben bestreiten. Die unterschiedlichen sozialen Schichten vermischen sich, es kommt zu vielen Turbulenzen und Verwechslungen, die am Ende durch schicksalbedingtes Glück der Armen die Situation umkehren. Dies ist bühnentechnisch hervorragend umgesetzt. Die Bühne zeigt lediglich ein oberes und ein unteres Stockwerk, ausgestattet mit nur sehr schmalen Gängen. Die Schauspieler bewegen sich demnach ausschließlich von unten nach oben, hintermalt wird die Bühne durch bunte und schrille Projektionen. Auch die Kostüme sind bunt und schrill, die männlichen Schauspieler übernehmen Frauenrollen wie z. B. das Zimmermädchen Fanny, es geht sehr turbulent zu. Trotzdem spürt man, dass der Funke zum Publikum nicht überspringen mag. Der Schlussapplaus ist sehr dürftig.

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Was geschieht hier? Ich sehe das Bühnenbild als sehr gelungen, auch die Projektionen, die das Bühnenbild unterstützen, wie z. B. die Einspielung von Polizisten, aber auf eine standardisierte Weise, wie es für eine Theaterbühne als Einspielung noch zumutbar ist und trotz Bewegtbild rein auf einer bildlichen Ebene geschieht. Die Kostüme sind überzeichnet, aber abgestimmt auf die jeweilige Rolle, sie entsprechen dem Bühnenbild. Die Schauspieler*innen aber lassen jedwede Interaktion – auch zueinander – vermissen. Der Eindruck bleibt, dass sie ihren Text in der immer gleichen Intonation aufsagen. Ob das so gewollt ist, weiß ich nicht. Es bewirkt aber beim Zusehen wenig, was das Publikum auf dieselbe Weise zurückgibt, indem es auch nicht interagiert und sogar belanglos bleibt.

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Worauf ich noch vergessen habe – das Stück ist eigentlich als musikalische Satire zu verstehen. Großartig sind die drei Musiker, die wir von unseren Plätzen sehr gut beobachten können. Punktgenau finden sie ihre Einsätze, sie wirken empathisch, konzentriert und „echt“. Seit geraumer Zeit fällt mir auf, dass Theaterinszenierungen immer überzeichneter werden. meist begeistern die Bühnenbilder, die Schauspieler*innen agieren aber übertrieben und schrill. Was möchte man hier bezwecken? Braucht es das, um Aufmerksamkeit zu erlangen? Brauchen wir schon bildbearbeitete Schauspieler, die wie in billigen Memes agieren? Wo bleiben die feinen Töne, die unsichtbaren Fäden zwischen der Schauspielerei und dem Publikum, das Leise und Laute, die Stimmungen und sogar Gerüche, die vermittelt werden wollen?

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Zur Nachtlektüre gibt es nochmals antikes Theater. Die antike Musik lässt mich nicht los und ich denke an einen hochinteressanten Vortrag von Stefan Hagen, einem Kenner von antiker Musik von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Beim Recherchieren werde ich tatsächlich fündig: Stefan Hagen spielt einen Aulos, eine Rekonstruktion nach einem hellenistischen Aulos, im Ephesos-Museum in Wien.

 

Frau Krautundrübe

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