Der Krautundrübensohn sagt mir, dass π-Tag – im Englischen Pi-Day – ist, weshalb er sich zur Pi-Day-Party aufmacht. Der 14. März wird weltweit als der π-Tag gefeiert, da die amerikanische Schreibweise für den 14. März 3/14 ist, was Assoziationen mit den ersten Ziffern der Kreiszahl π (Pi) 3,14 weckt, die das Verhältnis von Umfang zum Durchmesser eines Kreises beschreibt. Genau so – Daumen mal π – erinnere ich mich an die Zahl. Berechnet wurde das aber bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. von Archimedes von Syrakus, der das π erstaunlich genau berechnete. Seine Methode? Er zeichnete Vielecke in und um einen Kreis und berechnete so deren Umfang. Damit fand Archimedes heraus, dass π bei 3,14 liegt. Manche Anhänger nehmen den Pi-Day so genau, dass sie um 13:59:26 Uhr feiern. Sie erreichen damit die Kreiszahl bis zur siebten Nachkommastelle (3/14 1:59:26 pm = 3,1415926) zu verlängern. Der Pi-Tag wird traditionell mit einem kreisförmigen Kuchen gefeiert, da im Englischen der griechische Buchstabe π gleich ausgesprochen wird wie das englische Wort pie für Kuchen. Im Idealfall hat der Kuchen bei einem Durchmesser von 20 cm π Quadratdezimeter Grundfläche. Das weiß ich allerdings nicht vom davon eilenden Pi-Day-feiernden Krautundrübensohn, sondern von Wikipedia.
++++
Ich bleibe – noch immer rekonvaleszent mit Husten – in meinem Garten und räume ein wenig herum. Es sprießt, den Forsythien und Magnolien kann man beim Öffnen der Blüten zusehen, ich setze mich in den Wintergartenstuhl und blinzle in die Sonne, als mir Herr Krautundrübe mitteilt, dass meine Sonnenbrille vom Gericht in Göteborg freigegeben wurde und auf dem Weg zu mir ist.
++++
Meine Sonnenbrille wurde unter anderem gestohlen, als wir in Südschweden im letzten August in der Nacht – während wir in unserem Wohnmobil schliefen – ausgeraubt wurden. Da auch Wichtiges dabei war, machten wir unverzüglich eine Anzeige bei der örtlichen Polizeistation. Wir erwarteten uns eigentlich nicht sehr viel von der Anzeige, es ging uns vielmehr um das Anzeigenpapier, das man der Versicherung vorlegt und für die Neubeantragung von Führerschein etc. vorweisen kann. Wenige Wochen später bekomme ich ein Mail von einem schwedischen Polizeibeamten, der von mir nochmals sämtliche Belege fordert, sowie das Brillenrezept für meine Sonnenbrille. Ich bin sehr skeptisch und vorsichtig, nach mehrmaligem Urgieren seinerseits schicke ich ihm mein Brillenrezept mit den ausschließlichen medizinischen Daten ohne Versicherungsnummer oder Hinweisen auf meine Person. Wenige Wochen danach bekomme ich ein Mail von einer Richterin aus Göteborg, die mich an eine schwedische Anwältin verweist. Ich werde immer skeptischer. Obwohl mir versichert wird, dass es für mich mit keinen Kosten verbunden ist, türmen sich vor meinem geistigen Auge schwedische Kronen
Als ich an einem Sonntag am frühen Morgen einen Anruf der schwedischen Anwältin bekomme, hat meine Skepsis den Höhepunkt erreicht. Ich mache die Anwältin darauf aufmerksam, dass mich ihr Anruf an einem Sonntag Morgen überrascht. Sie antwortet mir, dass das Gespräch mit mir als Hauptzeugin für sie Priorität hat gegenüber den 54 weiteren Geschädigten, die sie noch kontaktieren muss. Oha – Hauptzeugin!? Ich erfahre schließlich, dass es vier oder fünf angeklagte Männer gibt. Wenige Tage später erhalte ich Post aus Schweden – die Vorladung als Zeugin zur Verhandlung. Nach einem kurzen Mailverkehr kann ich klar machen, dass es mir nicht möglich ist, nach Göteborg zu kommen. Daraufhin bekomme ich einen Anruf von einem Wiener Staatsanwalt, der meine Befragung abhalten soll, mir aber vermittelt, dass er dazu keine Lust hat und ein Online-Meeting dazu freigeben wird.
Ich bekomme einen Link und begebe mich (virtuell) in die Verhandlung nach Göteborg. Es läuft alles professionell ab mit zugeschalteter Dolmetscherin, wodurch ich erstmals Einblick in das Verfahren bekomme: Es konnten fünf Männer identifiziert werden, indem sie beim Einkaufen gefilmt wurden, wo sie mit meiner Bankomatkarte gezahlt haben. Aufgrund der Kamera am Parkplatz des Einkaufszentrums und einer kamerabewachten Tankstelle konnten zudem die Kfz-Kennzeichen der Diebe und somit die damit verbundenen Zulassungen eruiert werden. Bei einem der Beteiligten wurde außerdem meine Sonnenbrille gefunden, was als Hauptbeweismittel geführt wird. Ich sehe während der Verhandlung die Angeklagten, ich sehe die Bilder aus der Überwachungskamera, ich bin an der Reihe als Zeugin, was einigermaßen unspektakulär abläuft, trotzdem bin ich sehr aufgeregt. Ich werde von der Richterin befragt und von einem Anwalt der Beschuldigten, der sich für meine Sonnenbrille interessiert.
Die Angeklagten werden mehrheitlich schuldig gesprochen und bekommen eine saftige Strafe, zudem müssen sie Schweden verlassen.
++++
Die schwedische Anwältin kämpft noch für eine Entschädigung für uns, die ihr persönlich sehr wichtig ist, wie sie mir in einem letzten Telefonat mitteilt. Es geht ihr um die seelischen Qualen, die wir durchstehen müssen, wie sie meint und vor allem unser Schwedenbild, das für uns brutal sein muss.
++++
Meine Sonnenbrille hat eigentlich auf den ersten Blick keine spezielle Form. Sie hat eine dunkelgrüne Fassung und recht dunkle Gläser wegen der intensiven Sonne im Süden. Trotzdem ist meine Sonnenbrille wegen der Zusammensetzung der Sehstärken – offenbar – bemerkenswert, was zur Festnahme der unverschämten Diebesbande führte, sodass viele Wohnmobilist*innen demnächst einen Schwedenurlaub – so Pi mal Daumen – ohne unliebsame Überraschungen genießen können.
Frau Krautundrübe