Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

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„Was als atmosphärisch dichter New-York-Roman beginnt, entwickelt sich nach und nach zu etwas Größerem und zugleich Riskanterem. Hanya Yanagihara bricht mit den Erwartungen, die wir an einen Gegenwartsroman herantragen. Sie zieht uns den Boden des Vertrauten unter den Füßen weg und tief hinein in eine wahrhaft erschütternde und zugleich fast unwirklich schöne Geschichte, die man mit derselben Unbedingtheit und Versunkenheit liest, mit der man als Kind gelesen hat.“ (Karsten Kredel
Verlagsleiter Hanser Berlin, Ausschnitte aus seinem Kommentar zum Buch von Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben, 2015). 

Ich habe das Buch innerhalb weniger Tage verschlungen. Meistens saß ich am dicht bevölkerten Strand und las versunken die 958 Seiten. Hanya Yanagihara schrieb das Buch „A little Life“ bereits 2015, auf Deutsch erschien das Buch in der Übersetzung durch Stephan Kleiner 2016 im Hanser Verlag. Ich hatte schon länger vor, das Buch, das überwiegend gute Kritiken erhielt, zu lesen, jedoch wollte das fast 1000 Seiten starke Buch nicht in meinen Alltag passen. Umso mehr freute mich der bevorstehende Strandurlaub, wissend, dass sich meine Mutterpflichten nur mehr auf ein Kind beschränken, das eigentlich dem Kindsein gerade entwächst – selbst seinen Mittagssnack kocht es sich alleine. Nichts hindert mich somit, mit meinem Buch zu beginnen. Ich suchte mir ein Plätzchen am wirklich stark überfüllten Strand. Ich bemerke dabei, dass ich dem klassischen Familienurlaub langsam entwachse. Strenge Blicke galten den Müttern, die penetrant laut mit ihren Kindern sprachen. Muss man wirklich alles so laut kommentieren? Sehen die Fenjas, Milkas oder Alaias nicht sowieso, dass die Mamas sich gerade hinsetzen, eine Taucherbrille aufsetzen oder „mal nach einem Handtuch suchen“? Aber eigentlich egal, mein Buch hält mich ohnehin gefangen.

Worum geht es in diesem so viel diskutierten Buch? Es geht in erster Linie um vier Freunde, die sich auf dem College kennen gelernt haben. Obwohl sie sich unterschiedlich entwickeln, bleibt die Freundschaft über Jahrzehnte bestehen. Im Mittelpunkt steht Jude St. Francis. Der Erzählrahmen umfasst ca. 30 Jahre in die Zukunft, wobei es auch immer Rückblenden gibt. Daraus geht hervor, dass der Hauptdarsteller in den 60-er Jahren geboren wurde und in einem Kloster bei Mönchen aufwuchs. Er wurde sowohl sexuell als auch körperlich seit seiner frühesten Kindheit schwerst misshandelt. Die ihm zugefügten Narben verfolgen ihn sein ganzes Leben lang, obwohl er es zu einem angesehenen Anwalt schaffte.

Stil, Aufbau, New Yorker Künstler und die Mittelschicht-Partys sind zwar sehr amerikanisch und leicht durchschaubar, aber das vergisst man schnell. Es ist ein hervorragend geschriebenes Buch, in dem die Autorin eine Geschichte so erzählen kann, dass man den Umfang des Buches mit über 900 Seiten als nicht störend empfindet. Und, weil es wenige Bücher gibt, die ein Ende aufweisen können, dass derart unter die Haut fährt, dass man danach einfach einmal stumm sitzen bleibt und kurz sein eigenes Leben überdenkt, kann ich das Buch sehr empfehlen.

‚Ein wenig Leben‘ besitzt alle Eigenschaften, die es erlauben, von eindrücklicher, ja wuchtiger Literatur zu sprechen. Es ist eine Herausforderung für jeden Leser. … im wahrsten Sinne des Wortes ein umwerfendes Buch. (Deutschlandfunk)

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Durch dieses Buch zieht sich Missbrauch und sexualisierte Gewalt (an Kindern) wie ein roter Faden. Dass Ulrich Seidl in seinem neuen Film Sparta zum Thema ‚Pädophilie einen provokant-kritischen Zugang haben wird, überrascht nicht, ist er doch dafür bekannt. Umso unverständlicher ist es, dass Seidl bei einem derartig sensiblen Thema, wo Kinder als Laiendarsteller eingesetzt wurden, dermaßen unprofessionell agiert, wie der Spiegel nach einer achtmonatigen Recherche Anfang September veröffentlichte. Sollte es am Geld gescheitert sein, dass er für die Drehs von sensiblen Szenen mit Kindern keinen Coach einsetzen konnte, dann bleibt zu hoffen, dass ihm weitere Zuschüsse in Zukunft von Beginn an verwehrt werden.

Gegendarstellung von Ulrich Seidl

Frau Krautundrübe

 

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