Fahrt nach Wien und „Was bleibt“

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Meine Genesung ist gut fortgeschritten. Trotzdem bewege ich mich nach all den vielen Schlagzeilen, die schwer zu verarbeiten sind, am liebsten in meinen vier Wänden, wo die Blickachsen immer die gleichen sind. Die liebste Blickachse führt noch immer in den Garten, wo ich mit großer Beunruhigung das rasche Austreiben der Pflanzen beobachte. Fast erleichtert griff ich heute am Morgen nach dem Eiskratzer, um die vereisten Scheiben am Auto frei zu machen. Am elektronischen Autothermometer las ich -6 Grad. Die Fahrt ins Büro mit meiner bevorzugten Morgensendung im Autoradio beschwingte und erheiterte mich, da es um einen Frühlings- und Sommertrend in Puncto Damenmode ging, wo die Neben-Moderatorin (- bei der ich mich immer frage, warum sie sich so vorbehaltlos in die „Dummchenrolle“ begibt), lobte, dass bauchfreie Shirts nicht mehr nur auf super-schlanke Frauen beschränkt sind, sondern für alle Körpergrößen im Trend liegen. Der Kommentar des männlichen Moderators war skeptisch. ich fürchte, man wird sich auf einige ‚Outings‘ gefasst machen können. Beschwingt von soviel guter Radiolaune startete ich in den Arbeitstag, der dichter nicht sein konnte. Schon die Tage vorher war die Arbeit im Flow. Nach vielen Stunden schloss ich meinen Projektantrag über mein Lieblingsthema ab. Darauf folgten aber Mühen und Ärger über neue Paragraphen, die wissenschaftliches Arbeiten weiter erschweren sollen (Man fragt sich, wer solchen Gesetzen zustimmt?). Formulare, Prozessabläufe mit Gutachten werden gefordert und verzögern den geplanten Projektstart. Es gäbe einen Plan B, den ich aber noch zurück halten möchte. Außerdem Treffen mit netten Kollegen und Kolleginnen wegen Absprachen der kommenden Auslandsprojekte, was wieder entschädigt. Die Studierenden kriechen wieder langsam aus ihren Höhlen, die Hörsäle füllen sich zu Semesterbeginn, was dem Campus die Tristesse nimmt.

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Am Mittwoch führte mich ein Termin mit einer Reiseagentur nach Wien, um meine Wandertouren in Griechenland und der Türkei zu bewerben. Die Touren am Lykischen Weg, in Zagori und am E4 in Kreta kamen zunächst gut an. Trotzdem wurde mir empfohlen eine Wanderung einer der bereits im Programm gelisteten Wandertouren als Wanderführerin durchzuführen, um das Publikum besser einzuschätzen. Die Liste der Wanderungen der Agentur reicht von den Julischen Alpen, über die Insel Rügen und Pilgern am Johannesweg im Mühlviertel. Außerdem wurde ich gebeten, eine Tour in das Périgord in Südwestfrankreich zu übernehmen. Nach unserer Frankreichreise im letzten Sommer, wo wir nach der Atlantikküste auch in Sarlat für ein paar Tage blieben, freue ich mich wieder dort hin zu kommen. Meine Erfahrungen mit Reisegruppen liegen zwar schon zwanzig Jahre zurück und ich bezweifle, dass sich am Ablauf einer Tour seitdem viel geändert hat, aber ich ließ mich zumindest für diese Woche im September breitschlagen. Für einen ausgedehnten Wien-Stadtbummel blieb leider nicht viel Zeit. Trotzdem drehte ich eine kleine Häuserblockrunde im 12. Bezirk und fand alles Wienerische, was das Herz so begehrt.

Wien

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Nun jeden Tag Fassungslosigkeit. Die Bilder der vielen Frauen und Kinder, die die polnische Grenze erreicht haben, mit schmerzvollen Gesichtern ihr Leid kaum in Worte fassen können. Bereits vor Kriegsbeginn begann ich mit dem Buch „Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ von Andreas Kossert:

„Am Umgang mit Flüchtlingen lässt sich ablesen, welche Welt wir anstreben. Tag für Tag offenbaren sie, wie es wirklich um unseren Planeten bestellt ist. Wieviel Ablehnung Flüchtlinge erfahren, lässt Rückschlüsse zu auf die tiefsitzende Angst der Aufnehmenden, selbst einmal entwurzelt zu werden. Flüchtlinge und ihre Geschichten stehen deshalb für eine alternative Erzählung, die die bislang dominierenden Deutungsmonopole sesshafter Gesellschaften zumindest ergänzen kann. Flüchtlinge und das, was sie erleben und erleiden, führen uns vor Augen, wie zerbrechlich unsere scheinbar so sichere Existenz ist. Sie verschieben die Sicht auf die Welt, weil sich mit jeder Fluchtgeschichte und jedem einzelnen Flüchtling die Frage stellt, wie fest wir wurzeln.“

       

 

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Frau Krautundrübe

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