Während der Krankenstandstage bleibt zumindest Zeit zum Lesen abseits des „Arbeitslesens“. Länger schon hatte ich den Essayband von Mirjam Zadoff, Wie wir überwintern auf meinem Ebook. Das Buch kursiert in der Krautundrübenfamilie und wird als interessant befunden. So setze ich mich Sonne tankend in den Garten und beginne, wobei ich wiederum feststelle, dass Ebooks zwar praktisch sind, aber für mich, die eigentlich gerne zwecks der verstellbaren Buchstabengröße am Bildschirm liest, immer noch gewöhnungsbedürftig.
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Ich bin über einen Beitrag im Radio auf Mirjam Zadoff gestoßen. Sie ist Historikerin und Universitätsprofessorin für Jüdische Geschichte, seit 2018 Leiterin des NS-Dokumentationsarchivs in München. Das Buch ist unterteilt in 17 Essays, die nicht länger als 6 bis 8 Seiten sind. Bei den Essays geht es um Themen wie, was können wir gegen die zunehmende menschliche Kälte machen, gegen die Anonymität im Zusammenleben, gegen den Konsumterror, den Turbokapitalismus, die Digitalisierung, ja alles was wir eigentlich wöchentlich abwechselnd in den Feuilletons der großen Zeitungen lesen und es kommt auch anfangs beim Lesen der Essays ein Ja-eh-und-Nona-Gefühl auf. Es ist mir ein bisschen zuviel „Handyzeit“ versus „sinnvolle Zeit beim Bücherlesen verbringen“ oder „Donald Trump“ versus „Oma gegen Rechts“, um hier nur einige Beispiele zu nennen. Der Untertitel lautet übrigens Den Lebensmut durch die harten Zeiten retten. Sind die Zeiten wirklich hart, oder einfach unruhig und unbequem?
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Trotzdem bieten die Essays Anlass sich selbst zu reflektieren und zu fokussieren. Wie geht es mir eigentlich mit dem ganzen Draußen? Außerdem bringt sie zu vielen Ja-eh-und-Nona-Beiträgen sehr kluge Beispiele und Literaturhinweise. In ihrem Essay Schafft Räume schreibt Zadoff über die positive Wirkung von Museen, das von vielen Menschen als „Leuchtturm der Zuverlässigkeit“ gesehen wird, das Museum als demokratischer Ort, in dem sich „die Gesellschaft in ihrer Vielheit und ihren unterschiedlichen Lebensformen, Erfahrungen und Perspektiven“ (Zadoff, S. 56) abbilden kann. Museum als Therapie? Ausstellungen, Museumsbesuche vermitteln sicher ein Gefühl des Gemeinsamen und wirken Einsamkeit entgegen. Man kommt sich im Museum nicht nur physisch näher als sonstwo – indem man z. B. eng gedrängt vor dem Lebenslauf der Künstlerin steht und um das Kleingedruckte lesen zu können, die Köpfe zusammenstecken muss – und man ist auch über die Empfindungen und Emotionen des gemeinsam Erlebten miteinander verbunden. Das Museum als gemeinsamer Erlebnis- und Empfindungsraum! Das trifft auf sämtliche kulturelle Einrichtungen zu. Insofern ist es schade, wenn vor allem auch im Kleinen die Förderungen dafür gekürzt werden.
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Ich winke meinem Nachbarn in den Nachbarsgarten und denke an Zadoffs Aufruf, dass wir uns wieder mehr aus der Anonymität bewegen und aufeinander zugehen sollen. Das ist tatsächlich ein interessantes Phänomen, wenn ich z. B. meine Wohnlage als ausgezeichnet beschreibe, da meine Nachbarn sehr unaufdringlich und ruhig sind und nie stören. Die Gartendistanzen sind so, dass sich ein Gartentratsch, ohne sehr laut zu sprechen, nicht ausgeht. Das heißt, man müsste bewusst aufeinander zugehen, um sich zu unterhalten. Das passiert äußerst selten, es wird lieber viel gewunken. Jeder ist froh über das Winken, so scheint es, wobei die Nachbarsfrau und der Nachbarssohn nicht winken, sondern wegschauen, auch gut. Anders die anderen Nachbarn, die sich eher bemühen. Hier wird auch ein Nachbarschaftsfest geplant zu Ehren des Heiligen Antonius. Aber das ist eine andere Sache.
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Mein Fazit zu diesem Buch von Mirjam Zadoff ist, dass es nett zu lesen ist und auch einige Anregungen bietet. Einen Ausweg aus der „Krise“, wie es Zadoff nennt, sieht sie, indem wir wieder näher zusammenrücken und uns keinesfalls in ein neues Biedermeier zurückziehen. Ja eh, soll mir recht sein!
Frau Krautundrübe