Hab ich das Reisen verlernt?

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Ich habe das Urlaubfahren verlernt. Es ist Sommer und ich habe keine Pläne für den Sommer. Ich denke an meinen Lieblingsurlaubsort, in dem zu Ferienbeginn viel zu viele Menschen sind, auch sonst fällt mir kein Platz ein, wo ich gerne wäre. Es möchte sich mir nichts Eindeutiges offenbaren.

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Conny fehlt! Conny war bis zum letzten Jahr unser Wohnmobil. Conny ist eigentlich eine Concorde, eine Königin unter den Wohnmobilen. Getragen und gefahren wurde unsere Conny von einem Fiat aus dem Jahr 1986. Gereist wurde durch ganz Europa, jedes Jahr mehrere Male. Das Reisen war sehr bedächtig und langsam, aber auch einfach. Letztes Jahr verkauften wir sie, weil sie alt war und weil wir auch wieder anders Reisen wollen. (Sie fand in einem jungen Pärchen, das ein Jahr quer durch Europa reisen wollte, würdige Abnehmer, ich war trotzdem traurig).

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Bereits letztes Jahr ging es mit dem VW-Bus an die Westküste Frankreichs. Es war eine herrliche Reise. Mit dem VW-Bus unterwegs zu sein, sollte wieder etwas an Leichtigkeit bringen. Jedoch, das Ankommen bestand aus viel Räumen, das Schlafengehen bestand wieder aus viel Räumen, die Tage bestanden aus viel Räumen und das Abfahren bestand aus noch mehr Räumen. In manchen Momenten fühlten wir uns um einige Jahre flotter und jünger.

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Die Reisemenschen um mich herum reisen quer um die Welt, mit dem Rennrad ans Nordkap, zur Schwester nach Beverly Hills und nach Spanien, nach London oder  zum Onkel ins Haus nach Naxos, mit der Familie nach New York mit Ostküste, nach Sardinien und Brasilien, einfach nach Kroatien oder in den Lieblingsurlaubsort nach Griechenland, wieder nach Frankreich und Spanien (Herr Kind 2) und ich, die es nirgendwo hinzieht.

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Der VW-Bus ist bereit. Einsteigen und Losfahren? Da wären die horrenden Spritkosten, die ein fluffiges Reisen in Frage stellen. Da gibt es extreme Trockenheit in Italien, die bereits eine genaue Einteilung der Wasservorräte notwendig macht und keine weiteren Wassertrinker*innen benötigt. Wir könnten uns in die Autokolonnen in den Süden einreihen, die mich bald als Herdentier fühlen lassen würden. Zum Zugfahren fehlt mir die Geduld und Flugreisen erfordern zu viel Organisation. Außerdem werden zu Hause viele Tomaten, Pfirsiche, Melanzani und Zucchini zu ernten sein, in meinem Schlafzimmer ist es nie zu heiß und ich kann meine Umgebung weiter zu Fuß erkunden, was die Daheimbleib-Sehnsucht im Sommer verstärkt.

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Letztlich wird die Reiselust kommen, weil man sich auch immer in der Begegnung mit Fremden selber neu kennenlernen kann. Das Reisen gibt uns schließlich auch die Möglichkeit, uns von allem Überflüssigen freizumachen. Es ist das Streben nach der Illusion, dass wir uns neu erfunden haben.

 

Frau Krautundrübe

 

 

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