Lucanus cervus flieg!

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Ich sitze auf der Terrasse und blicke in den blauen Himmel, bewundere den orangen Streifen am Horizont, die Fichten im nahen Wald heben sich schwarz gegen das Blau des Himmels ab. Ich versuche die vielen Mücken zu ignorieren. Sie formieren sich über der nun feuchten Wiese in Schwärmen und schweben wie leichte Luftkugeln rauf und runter.

Da sehe ich plötzlich ein größeres Flugobjekt. Ich versuche die Entfernung des Flugtieres einzuschätzen. Es flatterte sehr gleichmäßig, aber bemüht. Ein Vogel in himmlischen Höhen? Als das Flugtier an Höhe verlor und auf mich zusteuerte, erkannte ich, dass es sich um ein fliegendes Insekt handeln musste. Ich erkenne den leicht massigen Körper, Zangen oder Hörner am Kopf und ein gleichmäßiges Schwingen der Flügel. Ob das nicht ein fliegender Maikäfer ist? Das Flatterinsekt schwirrt wie ein aufgezogenes Spielzeug in einer annähernd geraden Linie in angemessener Höhe mit gleichmäßigem Vor-und-Zurück-Schwingen der eher durchsichtigen Flügel. Ich versuche ein Foto zu machen, aber meine Handykamera ist zu schlecht dafür. Da ich das Flugobjekt im Auge behalten möchte, muss ich an meinem Platz bleiben. Ich versuche nochmals das, was ich sehe zusammenzufassen: das Insekt ist dunkel, es hat zwei Fühler oder Zangen, die eher aussehen wie Hörner und senkrecht in den Himmel ragen, der im Verhältnis massige Körper ist senkrecht aufgestellt (im Gegensatz zu Bienen, deren Körper waagrecht ist) und die Flügel schwingen nicht rauf und runter, sondern eher vor und zurück. Dementsprechend ungewohnt sind auch die Flügel platziert. Eigentlich sind es viel zu kleine Flügel, die unentwegt Schwingen, um den massigen Körper in der Luft zu halten und auch fortzubewegen. Ich tippe auf einen Maikäfer, der auf Partnersuche ist. Dabei erinnere ich mich daran, dass vor mehreren Jahren an einem Abend in unserem Garten mehrere Maikäfer flogen. Die Kinder liefen aufgeregt und laute Töne von sich gebend durch die fliegenden Maikäfer. Ich versuchte die Kinder zu stoppen und achtete, dass keiner der Maikäfer in unser Haus kam. Die Erinnerung verschwimmt, Herr Krautundrübe möchte mir etwas mitteilen. Ich winke ab und verweise auf das Fluginsekt. Herr Krautundrübe meint lapidar: „Ah ein Junikäfer.“ Nun ja, also kein Maikäfer, sondern ein Junikäfer. Die Antwort auf meine Frage, was denn der Unterschied zwischen dem Maikäfer und dem Junikäfer sei, fällt ebenso lapidar aus, dass nämlich der Maikäfer im Mai fliegt und der Junikäfer im Juni. Ich recherchiere sogleich und Herr Youtube zeigt mir einen brummenden Maikäfer, der versucht davon zu fliegen. Aber nein, das ist auf keinen Fall mein tapferes Flugtier. Auch der Junikäfer kann mich nicht überzeugen. In der rechten Youtube-Leiste, dort wo alle weiteren Suchergebnisse aufgelistet sind, sehe ich ihn, den Lucanus cervus, klicke das Youtube-Video an (wirklich faszinierend) und weiß, es ist ein Hirschkäfer.

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Maikäfer flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich ist ein autobiographischer Roman von Christine Nöstlinger, einer der großartigsten österreichischen Schriftstellerinnen. Der Titel geht zurück auf ein altes Kinderlied Maikäfer flieg. Dabei geht es vordergründig um den damals unter Kindern weit verbreiteten Brauch, Maikäfer einzufangen und wieder fliegen zu lassen. 2016 wurde das Buch von Christine Nöstlinger unter der Regie von Miriam Unger verfilmt.

Maykäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrandt.

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Fasziniert sehe ich meinem Nicht-Maikäfer, sondern Hirschkäfer nach, wie er leicht sein Tempo erhöht indem er noch schneller mit seinen durchsichtigen Flügeln seinen massigen Körper in eine andere Richtung manövriert, um dann in der riesengroßen Tanne zu verschwinden. Lucanus cervus flieg weiter!

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Reinhard Mey, Es gibt keine Maikäfer mehr – 1974!

 

 

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