Mein Opa und der 1. Mai

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Ich verbinde den 1. Mai mit meiner Kindheit. Meine Volksschulzeit absolvierte ich in einem damals noch hochroten Bruno-Kreisky-Österreich, das im Gegensatz zum heutigen Heimattümmeln noch mit einem fast unbekümmerten Nationalstolz verbunden war. Die österreichische Seele konnte bei Erwin Ringels „Die österreichische Seele. Zehn Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion“ (Wien 1984) noch herzhaft über sich selbst lachen und in der Schule bastelten wir rot-weiß-rote Fahnen, die wir am 1. Mai an unsere Kinderzimmerfenster klebten oder auf den Balkon in ein Blumenkisterl steckten. Es war auch immer ein Feiertag, den ich gerne bei meinen Großeltern im Mürztal verbrachte. Die Hasel- und Holunderbuschen setzten gerade die ersten Blätter an, die Kastanien und Weiden standen schon in Blüte und die Schneeschmelze von der Alm ließ den Bach besonders laut rauschen. In meinem kindlichen Festtagsjahres-Assoziationskalender war der 1. Mai mit der Blasmusikkapelle verbunden, die am frühen Morgen des 1. Mai zum Weckruf blies. Da mein Zimmer bei Oma und Opa gartenseitig lag, verursachte es mir große Ohr-Anstrengungen und Hör-Mühe, die Blasmusik um sechs Uhr morgens, die an der Landstraße durch den Ort in Richtung Dorf zog, nicht zu überhören. Zum Maibaumaufstellen hatte ich keine große Erinnerung, die waren einfach da. Über die Bedeutung des 1. Mai wurde ich mir erst viel später bewusst. Während meiner Kindheit- und Jugendzeit waren die Kundgebungen am 1. Mai friedlich, gab es auch in Anbetracht des Wirtschaftswachstums nichts zum Motzen. Die „Türken“ und „Jugos“ waren hier um zu arbeiten und waren auch daran beteiligt, dass die Zeiten immer besser wurden und Zufriedenheit in der Bevölkerung stieg, sodass es nicht viel zu hetzen gab. Geändert hat sich die Bedeutung des 1. Mai mit dem Aufsteigen der rechten Parteien und Bewegungen, deren Ziel es war, die Arbeiterschaft auf ihre Seite zu bringen, was mit Aufstacheln und Populismus in immer stärkeren Maße gelang oder noch immer versucht wird. Meine erste, richtig laute Maikundgebung erlebte ich in Berlin als Reiseleiterin in den 1990er-Jahren. Mittlerweile werden die Maikundgebungen fast rituell von den sozialistischen Parteien in ganz Europa begangen, was ich nebenbei wahrnehme, ist der 1. Mai für mich längst ein sehr willkommener freier Tag, der vielleicht günstig in der Woche gelegen, sogar Anlass zu einem Kurzurlaub bieten würde.

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Auch für meinen Großvater war damals, als ich in der Schule noch rot-weiß-rote Fähnchen bastelte, der 1. Mai ein Feiertag, der es verdiente, dass für ihn die Blasmusik spielte. Die Familie meines Opas stammte ursprünglich aus Oberösterreich (oder vielleicht aus Böhmen?). Jedenfalls gab es Verwandte in Christkindl im unteren Steyrtal im Traunviertel in Oberösterreich. Sein Vater, mein Urgroßvater, kam schon während oder nach dem 1. Weltkrieg ins Mürztal, wo er im Bergbau Arbeit fand. Dort bezogen sie ein kleines Häuschen und waren mit der benachbarten Bauernschaft stark verbunden. Mein Opa wuchs dort auf und musste am Ende des 2. Weltkriegs noch nach Jugoslawien und Russland einrücken. Mein Opa arbeitete als Elektriker bis zu seiner Pensionierung im „Werk“. In seiner Freizeit war mein Opa ein bekennender Wintersportler, der wesentlich am Bau von Sprungschanzen und Schiliften in der Region beteiligt war (Als Dank und Abgeltung erhielt er  Hunderte von Freikarten für den Schilift – die wir bis weit in die 1980er Jahre gerne in Anspruch nahmen). Aus seiner Sportbegeisterung heraus engagierte er sich als Trainer und Begleiter für die Jugend des Skiclubs bzw. damals noch Schivereins der Gemeinde. Sein Leben war aber stets mit seiner Arbeit als Elektriker im „Werk“ verbunden. Meine Erinnerungen als Ferienkind bei den Großeltern sind noch immer geprägt von deren Leben und Alltag. Aufgestanden war der Opa schon sehr früh, um halb fünf Uhr oder um fünf Uhr? Ohne die Omi hätte er das natürlich nicht geschafft. Jedenfalls begann seine Arbeit um sechs Uhr morgens. Um zehn Uhr kam er zum Jausnen heim, aber nicht immer, soweit ich mich erinnere. Das war möglich, da das Haus in der Nähe des „Werks“ lag. Arbeitsende war um zwei Uhr nachmittags, eingeläutet durch eine Sirene. („Es purrte“- wie meine Oma zu sagen pflegte.) An die Sirene habe ich noch sehr intensive Erinnerungen, da kurz danach Hunderte von Arbeitern mit ihren Fahrrädern die Landesstraße in Richtung „Dorf“ in ihr Daheim brausten. Meistens waren das alte Waffenräder oder Puchräder, seltener gab es Puch-Moperl. Mein Opa kam – während ich täglich dieses Rad-Spektakel, ja sogar täglich darauf wartete, beobachtete, schnellen Schrittes um die Ecke gebogen nach Hause. Er trug stets eine mit Schmieröl verdreckte blaue Montur, eine Monturjacke im Sommer, im Winter trug er darunter einen löchrigen, für „schön“ nicht mehr verwendbaren Norwegerpulli, eine schmutzige Schirmkappe oder im Winter eine ausrangierte Schihaube und Sicherheitsschuhe. Das Haus betrat er stets durch den Keller, durch die Garage, wo er seine Kleidung ablegte und in eine Trainingshose schlüpfte. Dort wusch er sich mit einem großen Block Schmierseife die Hände. Auf seinen Platz war bereits das Besteck und der Suppenteller von meiner Omi vorbereitet. Ich war fasziniert von seinen schmutzigen Fingernägeln, die auch voll Schmieröl waren und auch infolge oftmaligen Waschens nicht mehr sauber wurden. In meiner Erinnerung gab es unter der Woche oft Rahmsuppe mit Brotwürfeln und Sterz mit Schweineschmalz zu essen. Dazu trank er ein großes Glas Milch. Nach dem Essen schlief er kopfüber geneigt auf seinem Platz ein. Nach seinem Mittagsschlaf ging er entweder in die Badewanne oder sehr oft arbeitete er für befreundete Bauern oder Kollegen, denen er in allen elektrischen Belangen half. Dafür erhielt er Holz, Fleisch, Fische oder Eier. Mein Opa war Mitglied beim Donauland-Buchclub. Er las alle Bücher von Heinz G. Konsalik und Johannes Mario Simmel. Er hatte bereits in den 1960er Jahren einen VW-Käfer, und seit den 1970er Jahren fuhr er BMWs. Er verbrachte Schiurlaube in Lech am Arlberg und in Südtirol, wo er seine Begeisterung fürs Schifahren ausleben konnte. Bei meinen Großeltern sah ich den ersten Farbfilm und den ersten Videofilm („Die Straße nach Salina“ von Maurice Cury aus dem Jahr 1970 – wirklich sehenswert!), da mein Opa immer für Neues offen war. Ohne meine Oma, die alles – und vor allem meinen Opa managte, hätte er das natürlich nie geschafft.

Mein Opa und ich in seinem Garten

Mein Opa war nicht immer ein angenehmer Zeitgenosse, da er einerseits launisch, streitbar und ungerecht sein konnte, aber im Großen immer unglaublich weltoffen und tolerant blieb. Er war ein Arbeiter, der die Gesellschaft seiner Zeit mitgeprägte, indem er aufgeschlossen für neue Entwicklungen war, Bücher las, mit seiner Begeisterung viel für den Schisport erreichte und über seinen eigenen gesellschaftlichen Horizont hinaus immer auch zu den unterschiedlichen Menschen in gutem Einvernehmen stand. Jede rechtslastige und populistische Partei lehnte er vehement ab.

Opa auf seinem Platz

Wenn ich heute den 1. Mai – mittlerweile so nebenbei – als „Tag der Arbeit“ wahrnehme, mir über neue Formen der Arbeit Gedanken machen darf und mich in meiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Wohlfühlblase wiege, meine ich aus voller Überzeugung, dass meine Großelterngeneration es uns vorgelebt hat, indem sie uns durch ihren Einsatz die gesellschaftliche, politische und kulturelle Grundfeste bereiteten, auf denen wir aufbauen können. Danke dafür!

 

Frau Krautundrübe

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