Ich ertappe mich zwar öfter, dass ich von „Früher“ oder von „Damals“ erzähle, gehöre aber noch nicht zu den Personen, die das Früher verklärt. Zumindest versuche ich trotz weltlicher Turbulenzen zukunftsfroh zu bleiben. Ich blicke stets nach vorne, immer mehr oder weniger versucht, mein Leben zu „optimieren“. Ob Verbesserung, Effizienz, Leistungssteigerung und Prozessverbesserung durch ideale Nutzung meiner Ressourcen zu noch mehr Zukunftsfreude gereichen werden, wird sich zeigen. Ich setze vorerst auf den schnellen Erfolg in puncto Verbesserung durch Aufräumen und Neuordnen meines Kleiderschrankes, stelle Topfpflanzen um, von denen ich meine, dass sie an anderen Plätzen besser wachsen und ordne die Handtücher neu nach Farben. In Anspruch genommen werden hauptsächlich zeitliche Ressourcen, was aber durch ein großes Potential an Glücksgefühlen aufgewogen wird.
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Weitere Optimierungsmaßnahmen hingegen sind mit viel Verzicht, Konsequenz und Durchhalten verbunden. Zum Runner’s High ist es derzeit ein langer Weg und ganz ehrlich – das Trainieren im Gym kostet viel Überwindung und Konsequenz, auch weil das Kraft-Trainieren für mich eintönig und fad ist. Allerdings wird auf Alkohol verzichtet und das Darm-Mikrobiom mit viel Lauchsuppe, Rote Rüben-Risotto und Joghurt gehätschelt, was nach den kalorienreichen Tagen im Dezember unmittelbar Wirkung zeigt.
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Man wird aber auch täglich an das Optimieren erinnert. Sowohl in den analogen Medien als auch in den sozialen Medien stoße ich auf Rundum-Tipps, um würdig zu altern und mein Leben zu verlängern. Es betrifft angeblich gar nicht die genetische Veranlagung, die nur 20 Prozent beträgt, wenn es um unsere Lebensspanne geht. Vielmehr sollen wir alles selbst über unseren Lebensstil in der Hand haben. Demnach können wir jeden Tag selbst Entscheidungen treffen, die unser Leben gesund machen und sogar verlängern. So soll man auf eine pflanzenreiche Ernährung achten, auf Alkohol, Nikotin und hoch verarbeitete Lebensmittel verzichten, außerdem soll man nicht auf das Cardio- und Krafttraining vergessen, dann gut und ausreichend schlafen, zur Vorsorgeuntersuchung gehen und Freunde treffen.
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Das Freunde-Treffen stellt sich für mich fast am schwierigsten dar, da ich ein ausgeprägter Jänner-Muffel bin. Das bedeutet, nach den sozial starken Weihnachtsfeiertagen mag ich im Jänner nicht reden und am liebsten meine Ruhe haben. Insofern bin ich froh, dass der Blue Monday bereits vorbei ist. Der 3. Montag im Jänner soll angeblich der traurigste Tag des Jahres sein. Der Tag wird angeblich von vielen Menschen als der deprimierendste Tag des Jahres empfunden. Nach dem britischen Psychologen Cliff Arnall basiert das auf mehreren Faktoren, die an diesem 3. Montag im Jänner ihren Höhepunkt erreichen: das trübe Winterwetter, das vom Dezember strapazierte Bankkonto und die gebrochenen Neujahrsvorsätze führen dazu, dass die Motivation und das allgemeine Wohlbefinden am Tiefpunkt sind. Aber der Blue Monday soll auch eine Chance sein und motivieren, sich wieder neu für das Jahr aufzustellen.
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Während ich noch tief in der Findungsphase für das neue Jahr bin, steht mir ein social event bevor. Eine liebe Freundin feiert ihren Geburtstag, zu dem wir eingeladen sind. Es kostet mich Überwindung, mich an diesem Samstag aus der Komfortzone heraus zu bewegen. Ich bin ob meiner Alkoholabstinenz versucht, den alkoholfreien Prosecco als Gastmitbringsel einzupacken, würde mich beim Essen betont zurück halten und am frühen Abend wieder heimgehen. Herr Krautundrübe erinnert mich, ein freundliches Gesicht aufzusetzen, schließlich sind uns die weiteren Geburtstagsgäste unbekannt.
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Es kommt schließlich alles anders an diesem Samstag zu dieser Geburtstagseinladung. Die eingeladenen Gäste, die uns unbekannt waren, entpuppen sich als außergewöhnlich entspannt, was nach meiner Einschätzung daran liegt, dass sie offensichtlich ohne konkrete Optimierungszwänge leben. Jedenfalls werden viele Flaschen mit ausgezeichnetem Prosecco, Bier und Wein vernichtet, Unmengen an Knabbergebäck vertilgt – ich beiße mir an einem Kartoffelchips einen Zahn aus, es wird getanzt, gefeiert und vor allem gelacht bis in die Morgenstunden.
Ich bin diesen ehemals unbekannten Menschen, die alle im selben Alter wie wir sind, ebenfalls mit Pubertieren leben und auf Lebenszeichen von in der Welt verstreuten jungen Erwachsenenkindern warten, so dankbar für diesen gelungenen Abend, an dem alles anders gekommen ist, als geplant, aber nichts besser hätte sein können.
Frau Krautundrübe