Ich weiß es mittlerweile, dass sich der Jänner zieht. Die Tage nütze ich zwar intensiv mit Arbeiten, blicke aber hoffnungsfroh aus dem Fenster, wo es nach den frostigen Tagen durch ein Mittelmeertief wieder Plusgrade hat, mit ergiebigem Regen sogar. Der Schnee wird weggeschwemmt, durch den gefrorenen Boden bleiben aber große Lacken auf der Wiese stehen. Die Schneerosen setzen bereits Knospen an, aber es wird wohl noch einige Wochen dauern, bis sie aufblühen.
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Das regnerische Wetter lädt jedenfalls nicht zu Outdooraktivitäten ein, sodass ich mir mit dem Frühstück Zeit lasse, die Zeitung ausgiebig lese und den Radio einschalte, wo ich bei „Gedanken“ auf Ö1 hängen bleibe. Diesmal wird die Sendung von Waltraud Klasnic gestaltet, der ersten Landeshauptfrau eines Bundeslandes in Österreich oder auch Frau Landeshauptmann – das war tatsächlich die offizielle Bezeichnung für ihr Amt in der Steiermark von 1996 bis 2005. Ich war nicht unbedingt ein Fan von ihr – zu groß strahlte der Nimbus über der immer korrekten Fönwellenfrisur. Sie war die gütige Landesmutter, die stets ein „Vergelt’s Gott“ parat hatte und gerne mit Binsenweisheiten ermutigte, so in der Art wie „Mit jedem neuen Tag kommen neue Stärken und neue Gedanken“ oder auch ermahnte „Neben dem Reden müssen wir wieder das Zuhören lernen“. Das nervte.
Ich hadere deshalb auch mit der aktuellen Sendung und überlege auszuschalten, als Waltraud Klasnic zu sprechen beginnt. Sie wurde vor 80 Jahren in Graz geboren und teilte das Schicksal mit vielen anderen, die von der leiblichen Mutter an eine Ziehmutter weitergegeben wurden. Sie erzählt von ihrem Leben, von ihrem großen Glück, das sie fast immer hatte, von dem, was ihr wichtig ist und was sie heute vermisst. Ich bleibe an der Sendung hängen. Ihr Leben lang zeichnet sich Waltraud Klasnic durch Empathie aus. Sie ist im katholischen Glauben tief verwurzelt, lebt die christliche Nächstenliebe, zeigt Demut und Dankbarkeit für das, was das Leben ihr beschert. Ich bin berührt und auch beeindruckt, was mich schließlich veranlasst, Frau Klasnic ein Mail zu schreiben. Und sie schreibt mir prompt ein Mail zurück, was zu einem aufschlussreichen Austausch führt.
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Umso bemerkenwerter erscheint mir ein Beitrag auf Ö1 über Christfluencer, die evangelikale-fundamentalistische Freikirche und wie hier konservative christliche Werte vermittelt werden sollen. JD Vance ist z. B. erst 2019 zum Katholizismus konvertiert. Er stammt ähnlich wie Waltraud Klasnic aus nicht einfachen Familienverhältnissen. Jahrelang war er aber Atheist, bis er den „tiefen Glauben“ im Katholizismus für sich entdeckte und sich taufen ließ. Gemeinsam mit der evangelikalen Kirchen und einigen Christfluencern propagiert er die große Abneigung gegen alles was links ist und auch in Richtung liberale Demokratie geht. In Trump sieht man ein Werkzeug Gottes, der nicht an Frieden oder Erbarmen gebunden ist, sondern nur an seinem starken Willen gemessen wird. Christliche Nächstenliebe wird als große Schwäche des Christentums gesehen, empathisches Verhalten wird strikt abgelehnt, das Recht des Stärkeren soll zählen.
Dem folgen auch sämtliche Gebets-Apps wie Hallow oder der TikTok-Trend „Jesus Glow“, sowie Influencer in sozialen Medien, wo meist traditionelle christliche Werte je nach Belieben, aber meist einer sehr rechtskonservativen Politik entsprechend, zurecht gebogen und instrumentalisiert werden.
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Ich bin mittlerweile wohl schon voll und ganz bei der Frau Landeshauptmann a. D., Waltraud Klasnic, die auf diese unerfreuliche christliche Strömung wohl sagen würde: „Keine noch so kleine Freundlichkeit ist jemals vergeblich, wer kein Mitgefühl hat, leidet unter einem schwerwiegenden Herzensproblem.“
Und es würde mich gar nicht mehr nerven.
Frau Krautundrübe