Wien und eine überraschende Begegnung mit Osman Hamdi Bey

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Überraschung in Wien

Es war wieder ein klirrend kalter, aber nicht mehr so sonniger Morgen wie am Vortag. Dem Vorhaben, Frau Kind 1 mit dem Auto nach Wien zu fahren, stand nichts im Wege. Diverse sperrige Dinge, die umständlich mit dem Zug zu transportieren wären, sowie Werkzeugkoffer und Bohrmaschine waren schnell verstaut. Gemeinsam mit Herrn Krautundrübe, Frau Kind 1 und Pubertier Kind 3 wurde die zweistündige Fahrt nach Wien angetreten. In Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, wurde erstmals die neue Damen-WG von Frau Kind 1 besichtigt. Während sich Herr Krautundrübe sogleich an die Arbeit mit der Bohrmaschine machte, trank ich Tee mit den WG-Damen (Kaffee vermied ich aufgrund meines vom ausgiebigen Feiertagessen angeschlagenen Magens). Die zwei Rassekatzen krönten das charmante Durcheinander der Damen-Wohngemeinschaft. Diese besondere Gelassenheit hinsichtlich des Durcheinanders in Wohnung bzw. Haus kam mir leider abhanden, umso mehr genoss ich es bei den Damen, was mir nur kurz vergönnt war, da Pubertier Kind 3 zum Stadtbummel drängte. Erste Station war nach wenigen Minuten der McDonalds – Pubertier Kind 3 ist wohlgemerkt ein braves Kind seiner Zeit. Ich konnte wenige Einwände zu seiner Fastfood-Mahlzeit einbringen, hatte er doch ein prall gefülltes Geldbörsel mit dem Weihnachtsgeld von Verwandten im Talon. Im Stillen bedauerte ich das Versagen seiner Religions- und Biologie Lehrer*innen, die bei Frau Kind 1 und Herrn Kind 2 ganze Sache geleistet hatten, indem sie ihre Schüler*innen mit vielen abschreckenden Aufklärungsfilmen hinsichtlich Burgerproduktion und Arbeitsbedingungen von Fastfoodketten überhäuften. Somit war Fastfood für sie stets „böse“ gewesen. Ziel der Einkaufstour war für Pubertier Kind 3 ein Klamotten-Laden in der Mariahilferstraße. Diese Aussicht machte mich nicht fröhlich. Ich versuchte ihn kurzerhand wegen der für den Samstag Nachmittag angesagten Corona-Demonstration am Wiener Ring mit erwarteten 40.000 Leuten von seinem Vorhaben abzuhalten, aber ohne Erfolg. Während ich es mir in dem In-Klamotten-Laden auf einer kleinen Klappleiter bequem machte, konnte ich das geschäftige Treiben beobachten. Typisch ist wieder einmal die Diskrepanz bei der (Jung-)Damenmode, die überwiegend für sehr, sehr schlanke Mädels geschnitten ist (hauptsächlich bikiniartige oder bauchfreie und sehr eng anliegende Oberteile, enge Hosen oder ganz kurze Röcke im 60er-Jahre Stil von Twiggy), während für die Damen mit „normaler“ Figur wohl die gemütlichen, mehrfarbige „Samttrainer“ gedacht sind. Wen wundert es noch, dass mehr und mehr Mädchen von Bodyshaming betroffen sind?

Charmantes Durcheinander in der Damen-WG

 

Ausblick aus der Damen-WG

 

In der Wiener Innenstadt, sehr kalt

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Von der Corona-Demonstration merkten wir außer Absperrungen am Ring und vereinzelten Menschen mit rot-weiß-roter Fahne nicht viel. Zur nachmittäglichen, ungewohnten Geräuschkulisse gehörten  das Kreisen des Polizei-Helikopters und die vielen Sirenen von Polizeiautos, die auf erhöhte Bereitschaft hindeuteten. Wir kümmerten uns nicht weiter um das Demonstrationsgeschehen und wollten den späteren Nachmittag gemütlich gemeinsam mit Herrn Krautundrübe und Frau Kind 1 ausklingen lassen. Wir spazierten gemütlich durch den Burggarten, vorbei an der Albertina auf den Stephansplatz. Glück hatten wir, dass wir noch die wundervolle Weihnachtsbeleuchtung vom Graben und der Rotenturmstraße sehen konnten. Beeindruckt war ich von der sogenannten Himmelsleiter: Zu Ostern wurde von der Taufkapelle bis zur Turmspitze des Stephansdoms eine „Himmelsleiter“ als Symbol der Hoffnung eröffnet. Diese Kunstinstallation wurde von der Wiener Künstlerin Billi Thanner realisiert. Diese sehr eindrucksvolle Installation soll Hoffnung in schwierigen Zeiten geben. Die in Neongold leuchtende Installation erzeugt die Illusion, das Gewölbe des Stephansdoms zu durchstoßen und sich außen bis zur Spitze des Südturms fortzusetzen. Einen schönen Wunsch hegte die Künstlerin bei ihrer Eröffnungsrede, indem sie riet, am Abend beim Betrachten der leuchtenden Himmelsleiter, den „eigenen Sehnsüchten, Wünschen und Hoffnungen freien Lauf zu lassen„.

 

Weihnachtsbeleuchtung in der Rotenturmstraße

 

Die Himmelsleiter am Südturm des Stephansdomes

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Das Abendessen war eigentlich zur Einweihung der neuen WG im Grätzl-Lokal „Zur Reblaus“ in der Unteren Augartenstraße geplant. Davor wollten wir aber wegen der müden Füße und der klirrenden Kälte ins Kaffee Alt Wien im 1. Bezirk in der Bäckerstraße. Dort am frühen Abend angekommen wurden wir am Eingang brav aufgefordert, unsere Impfnachweise mit Ausweis vorzulegen, dann wurde uns ein Tisch zugewiesen (wobei der Kellner fragte, ob uns dieser Platz auch passen würde). Ich war überrascht – so streng in diesem Beisl? Ja und noch etwas fehlte (oder auch nicht)! Der Zigarettenqualm war in diesem Wiener Beisl immer würdig und recht! Wir saßen gut und bestellten auch gleich zu essen (Der Besuch bei der Reblaus wurde auf das nächste Mal verschoben!). Aufgrund meines von den Feiertagessen gequälten Magens bestellte ich zuerst Tee. Dann wollte ich aber doch noch ein Glas Rotwein und bekam einen ausgezeichneten Zweigelt. Die Speisekarte bot typisch wienerische Küche wie Kalbsgulasch mit Nockerl oder Wienerschnitzel. Das besondere Flair dieses Altwiener Beisls entsteht vor allem durch die bunten Plakate an den Wänden. Hocherfreut war ich als ich beim leichten Wenden meines Kopfes nach Links, ein Plakat mit dem Namen von Osman Hamdi Bey sah.  Hier schloss sich für mich gedanklich ein Kreis, war ich doch während meiner beruflichen Zeit in Wien sehr häufig in diesem Beisl. Mit Osman Hamdi Bey verbinde ich wiederum die Sehnsucht nach beruflicher Normalität, hielt ich noch im September an der Universität Graz einen Vortrag über ihn. bei der Tagung ging es um den Griechischen Freiheitskampf, der vor 200 Jahren stattfand,  und seine Auswirkungen für Europa. Im Rahmen der Vorbereitung zu diesen Vortrag (eigentlich sprach ich über die Auswirkungen der philhellenischen Bewegung in Europa), stieß ich auf Osman Hamdi Bey, einer sehr interessanten Persönlichkeit. Er ist 1842 in Istanbul geboren und erfuhr eine sehr offene, westlich orientierte Erziehung mit Studium in Paris. Er war immer an der westlichen Kultur interessiert, vergaß aber niemals seine Wurzeln, die damals im Osmanische Reich lagen. Zurück in Istanbul begründete er als Maler eine eigene türkische Schule. Sein großes Verdienst war, dass er in einer Zeit, wo königliche Museen in ganz Europa mit Funden und sogar Bauten von archäologischen Grabungen aus dem Mittelmeergebiet und dem Vorderen Orient (British Museum, Pergamon Museum etc.) gefüllt wurden, ein Gesetz erwirkte, womit  Fundmaterial im jeweiligen Land, in dem es ausgegraben wurde, bleiben sollte und nur nach ausdrücklicher Genehmigung ausgeführt werden darf. Im Rahmen dieses Gesetzes, das bis heute Gültigkeit hat, gründete er auch das Archäologische Museum in Istanbul. Dabei gelang es ihm immer wieder zwischen den unterschiedlichen Parteien zu vermitteln und eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen, wie wir es auch heute wieder brauchen würden.

 

Im Kaffee Alt Wien

 

Erfreuliche Begegnung mit Osman Hamdi Bey

 

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Musikempfehlung für den wunderbaren Wientag kann nur typisch Wienerisch sein: Ernst Molden, Willi Resetarits, Walther Soyka und Hannes Wirth – Cafe Malipop.

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