Vom wunderbaren Gleinkersee geht es gleich weiter in den Norden zum Konzert quer durch Oberösterreich nach Niederösterreich, oder zumindest an die Grenze der beiden Bundesländer. Es verschlägt mich nicht so oft hier her in den Norden, deshalb erfreue ich mich an den weitläufigen Hügellandschaft mit den langgezogenen Äckern und Wiesen. Die Weite im Besonderen, tut es mir an. Da und dort taucht geschecktes oder braunes Vieh auf, gesegnet mit riesigen Weiden. Unweit der Weiden strahlen nüchtern die weißgetünchten Vierkanthöfe von den Hügeln, die nach außen hin nicht viel verraten. Als wir nach Linz schließlich die Donau bei Mauthausen queren, die dort breit wie ein Strom ist, staune ich nicht schlecht über kilometerlange Industrieanlagen, Cargo Center, Logistikzentren, sowie große Containerschiffe am Donauufer. In meinem Bundesland Steiermark gibt es tatsächlich noch immer Volksaufstände über jedes geplante Windrad. Zumindest fahren wir nach der Querung der Donau ein Stück weiter zur Burg Clam, wo das Konzert stattfinden wird. Dieses Mal steuern wir nicht die Zeltwiese an, sondern werden in unserem Schlafwagen übernachten.
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Wir rollen zu dem uns zugewiesenen Platz. Es gibt schon einige Reihen mit Wohnmobilen und bunten Bussen vor denen grasrauchende und biertrinkende Menschen sitzen, die uns mit einem coolen „Hi“ begrüßen. Ich bin zwar wegen der Hitze leicht bekleidet, lege aber meine Rüstung an, die mich uneinnehmbar macht und keinen Menschen dazu verlockt, das Wort an mich zu richten. Ich werfe mit strengen Blicken um mich, die die grasweichen Typen ernüchtern, indem sie mir sodann den Rücken zuwenden. Gut so, nicht, dass ich etwas gegen grasrauchende Typen hätte, das ist mir prinzipiell egal, aber in meinem Konzert-Abwehr-Modus spielte mir dieses Ankomm-Szenario genau in die Hände.
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Ich würde diese Art von Konzerten für mich nämlich nicht wählen, wäre da nicht der musikbegeisterte Herr Krautundrübe, für den ich prinzipiell gerne zu diesem Kompromiss bereit bin. In der Annahme zu einem Konzert von Neil Young zu fahren – warum auch immer ich das dachte – , wurde ich von den Plakatständern am Straßenrand eines Besseren belehrt – es wird ein Konzert von Nick Cave. Ich stelle mich auf einen ruhigen Konzertabend mit Depri-Musik ein. Bedauernd lese ich, dass am Vortag Lenny Krawitz auf der Burg ein Konzert gab, das ich mir noch gut hätte vorstellen können, mittlerweile auch ein Konzert von Neil Young. Schließlich brechen wir zu Fuß zur Burg Clam auf, die mittlerweile ein renommierter Eventort für viele Konzerte ist. Am Weg zum Konzertgelände beobachten wir, dass man offenbar auch die Einheimischen ins Boot geholt hat, die in ihren Einfahrten regionale Produkte oder auch Getränke anbieten. Wir betreten das Konzertgelände und begeben uns sofort in den Priority-Bereich, um auch die Vorband zu sehen. Man kann der singenden Dame ihr Bemühen nicht absprechen und sie kann auch nichts für meinen Unwillen, ihr zuzuhören, weshalb ich mich nochmals in den Gastrobereich verzog, wo mir drei Salzburger aus Abtenau über ihr Leben mit Nick Cave vorschwärmen, indem sie fast jedes Jahr ein Konzert von ihm besuchen. Ich erfuhr aber auch Wichtiges, dass Nick Cave nämlich in den Anfangsjahren mit Blixa Bargeld spielte und seine Band, die Bad Seeds, mit Warren Ellis eine neue Dimension erreicht. Nach dem Tod seiner zwei Söhne sei Nick Cave nun auch wieder besser drauf.
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Mit diesem bisschen Gossip begebe ich mich gleich ein wenig neugieriger zurück in den Priority-Bereich und mache mich umgehend auf die Suche nach Herrn Krautundrübe. Die vorderen drei Reihen verweigere ich entschieden, sodass wir schließlich einen guten Platz in der Mitte finden. Es dauert nicht lange und Nick Cave und die Bad Seeds sind auf der Bühne. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes da und ich bin innerhalb weniger Sekunden bei ihnen. Sofort ist da eine Bestimmtheit, der man sich nicht entziehen kann. Sie fegen mit einer Wucht durch die Reihen, nach dem Alles-Motto und da bleibt tatsächlich nicht viel dazwischen, zwischen uns und Nick Cave. Die Bühne ist gerahmt von je einer Leinwand, die die Stimmungen auf der Bühne zu uns ins Publikum tragen. Nick Cave ist schmal, weil er unglaublich fit ist. Über zwei Stunden gibt er uns, unermüdlich und sehr fit. Er trägt eine schwarze Anzugshose, ein hellblaues Hemd mit einem großen weißen Kragen und eine farbige große Krawatte, sowie ein schwarzes Gilet und eine schwarze Anzugsjacke. Es ist nicht dem Zufall überlassen. Seine Haare sind schwarz gefärbt und nach hinten gekämmt. Trotz der Hitze hält seine Frisur, keine Strähne löst sich. Er wird oft als Priester bezeichnet, seine Konzerte als Messen und das Publikum als Jüngerinnen und Jünger. Diesen Assoziationen schließe ich mich nicht an.


Fest steht, dass Nick Cave und die Bad Seeds uns etwas über diese janusköpfige Welt erzählen. Eine Welt, die uns erhebt und niederwirft, die uns Glück schenkt und uns beanspruchend aufweicht. In diesen zwei Stunden lässt uns Nick Cave an seinem Wissen teilhaben, überbringt uns seine Botschaft mit Donner, Wehmut und einem schelmischen Augenzwinkern. Alles ergibt plötzlich Sinn.
Auf den Punkt gebracht von Katharina Seidler in Bring your spirit down: Nick Cave live auf der Burg Clam von Radio fm4:
In seinem unerbittlichen Ruf nach Wiederaufstehen, Weitermachen, Weiterglauben und auf Liebe beharren, auch im Angesicht größter Pein, bleibt Nick Cave immer abseits jeglicher Hippieklischees. Tatsächlich operieren er und seine Band seit mehr als einem Jahrzehnt auf einer Höhe der Kunst, an die kaum jemand heranreicht. Der gestrige Abend bei der Burg Clam, der britische Vatertag und die weltweite Sommersonnenwende, was das Publikum bei Caves dementsprechender Zwischenansage aber akustisch oder inhaltlich einfach nicht versteht, geriet einmal mehr zum Triumphzug: Ein Fest des Überlebens.
„And all across the world they shout out their angry words
About the end of love, yet the stars stand above the earth
Bright, triumphant metaphors of love“
(„Joy“)