Neuerdings erscheint auf meinem Dashboard ein Fenster „Tägliche Schreibanregung“, die heute von mir wissen will „Do you set personal goals for yourself?„. Nein, tu ich nicht, zumindest nicht bewusst, weil ich mir nämlich die Enttäuschung ersparen will, wenn meine Ziele durchkreuzt werden, was sehr oft der Fall ist, und mich lieber freue, wenn etwas – ohne als Ziel gesetzt zu sein – gut läuft, sollte es anders kommen, dann kann ich mich mittlerweile ganz gut damit arrangieren.
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So arrangiere ich mich in den letzten Wochen in Side in der Südtürkei ganz gut mit den ständig wiederkehrenden Mittelmeertiefs. Auch für diese Woche sind im Gebiet von Antalya und Side wieder größere Regenmengen prognostiziert, die ich in den vorangegangen Wochen bei warmen Temperaturen und einem sicheren Dach über den Kopf als Abwechslung registriert habe. Nach den heftigen Regengüssen, den imposanten Donnergrollereien und den Blitzschauspielen scheint ohnehin nach wenigen Minuten wieder die Sonne und der Boden trocknet schnell auf.
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Das neu prognostizierte herannahende Mittelmeertief irritiert mich allerdings etwas mehr, da meine Heimreise genau für einen dieser Regenguss-Tage ansteht. Das Taxi zum Flughafen bestelle ich mir vorausblickend auf den eventuellen Morgenverkehr zwischen Side und Antalya eine Stunde früher als notwendig. Ich wache an diesem Tag dementsprechend früh auf, da sich vor meinem Fenster Lichtspiele und der entsprechenden Donnergeräuschkulisse, verursacht durch Blitzeinschläge, abspielen, die an keinen Schlaf denken lassen. Die Regengüsse passen sich der Gewitterintensität an, sodass im Hof, den ich queren muss, um zum Taxi zu gelangen, das Wasser steht. Ich sorge mich hinsichtlich der Regengüsse zunehmend, ob der Taxifahrer bei diesen Wetterbedingungen wohl kommen kann, sodass ich auch noch rechtzeitig am Flughafen eintreffe. Ich nutze eine Regenpause, um den wasserreichen Hof mit meinem schweren Koffer zu queren, einen trockenen Platz zu finden, um auf den Taxifahrer zu warten. Ein gestikulierender Mann eilt mir bereits entgegen, der sich sogleich als Fahrer vorstellt. Er nimmt mir den Koffer ab, müht sich, deutet auf sein Kreuz, das ihm offenbar schmerzt. Ich laufe ihm hinterher, versuche den Lacken auf der Straße auszuweichen, um keine nassen Füße zu bekommen und steige schließlich in ein großes Auto. Ich glaube, man nennt diese Art von Autos SUV. Ich registriere zumindest zufrieden die mächtigen Knautschzonen des Autos.
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Wir fahren los zum Flughafen nach Antalya. Die Fahrt ist für ca. 80 Minuten anberaumt. Es würde vom Verkehr abhängen, erklärt mir der Fahrer, ein abgemagerter Mann, der schlecht geht und ein schiefes Kreuz hat. Wir reden, ich versthe ihn schlecht, da sein Türkisch sehr dialektgefärbt ist. Er ist nach dem starken Erdbeben im Osten der Türkei 2023 nach Antalya gekommen und ist hier als Bus- und Taxifahrer beschäftigt. Er ist bei Verwandten untergekommen, verheiratet ist er nicht, aber er verdient jetzt gutes Geld.
Abgesehen von seinem starken Dialekt mit vielen arabischen Ch-Lauten, dem ich sehr konzentriert folgen muss, irritiert mich sein Fahrstil. Ich denke dabei an das „Do you set personal goals for yourself?“ und ja, mein persönliches Ziel ist heute gesund und lebend den Flughafen in Antalya zu erreichen. Dabei haben sich die Wetterkapriolen an diesem Morgen schnell verflüchtigt. Die Straßen sind einigermaßen trocken, es besteht keine, wie von mir befürchtete Aquaplaning-Gefahr. Den Fahrer scheinen seine Kreuzschmerzen stark zu plagen, weshalb er seine Sitzposition ständig verändert, was durchaus zu kreativen Verrenkungen führt. Hinzu kommt, dass er sich gerne zu mir umdreht, um mit mir zu sprechen. Das alles bei stark überhöhter Geschwindigkeit, verbunden mit waghalsigen Überhol- und vor allem auch Bremsmanövern. Ich erweise mich als aktive Beifahrerin, wenn ich laut schreie, wenn er zu lange in meine Richtung blickend, im letzten Moment abbremst bzw. das Lenkrad in Richtung Nebenspur reißt. Ich versichere ihm, dass ich keine Eile hätte, zum Flughafen zu kommen, und er yavaş, yavaş zum Flughafen fahren könne. Das verursacht bei ihm ein helles, begeistertes Lachen. Ich staune über seine großen gelben Zähne, die ausgesprochen schief verwachsen sind. Er ist davon überzeugt, dass ich Amerikanerin bin und zurück nach Amerika fliege. Als ich ihn berichtige und sage „Avusturyalıyım“ – also „Ich bin Österreicherin.“, antwortet er mit „Ah, Avustralyalıyım.“ – Ok, das passiert ja durchaus öfter, und ich sehe mich auch nicht imstande – wegen der vielen Manöver und meiner „Stop!“ und „Bremsen!“ Rufe, das zu berichtigen. Wir erreichen schließlich in einer sehr guten Zeit den Flughafen von Antalya. Ich bin sowas von erleichtert, wir verabschieden uns herzlich mit Hoşça kal und güle güle und der Fahrer meint, ich solle doch Amerika und vor allem Donald Trump lieb von ihm grüßen.
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Abenteuerliche Taxifahrten bin ich an und für sich auf dieser Strecke gewohnt. Ich bin recht froh über die vielen Schutzengel, die mich auf diesen Fahrten begleiten. Nach langer Zeit in Side an der türkischen Südküste freue ich mich, dem Bulk an Touristen zu entkommen. Schon sehr oft gingen sich auch Fahrten ins Hinterland, hoch hinauf in die Köys im Taurusgebirge aus, wo wir Einladungen der Dorfbewohner:innen folgten.
Es sind genau diese offenherzigen Begegnungen, die mir den Abschied schwer machen und mich leicht wieder zurückkommen lassen. Vorerst aber Hoşça kalın, ihr Lieben!
Frau Krautundrübe