Die Zeit sonst

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Ein P.S. zum Start: Dank einer Nachrichten- und Bilderflut bin ich bezüglich meines 40-jährigen Klassentreffens vom vergangenen Wochenende voll im Bilde. Ich meine sogar, mehr als mir lieb ist. Trotzdem studiere ich via Zoomfunktion meines Handys die Gesichter der ehemaligen Mitschüler*innen genau, erkannte alle „Mädchen“ sofort, da sie ihrem Typ entsprechend natürlich gealtert sind, während man mir bei einigen der „Jungs“ weiterhin auf die Sprünge helfen müsste.

Wenn man wochenlang im Ausland zum Arbeiten abgestellt ist, verbringt man tatsächlich sehr viel Zeit mit der Arbeit, aber es bleibt auch viel Zeit sonst. Die Zeit verbringe ich mit vielen Spaziergängen, ich bin ja noch am Meer, da fällt mir das besonders leicht. Ich verbringe keine Zeit mit Haushalten, Kochen oder Familie, aber auch nicht mit Freunden oder Freizeit. Im besten Fall wird die Zeit vom Aufstehen am frühen Morgen bis zum Schlafgehen am frühen Abend – mittlerweile sind auch hier an der türkischen Südküste die Tage kurz und die Abende kühl  – mit Arbeit verbracht. Die ist ja auch sehr abwechslungsreich und ich tu es gerne, aber immer öfter drifte ich ab, z. B. auf eine beliebige Website. Meistens lese ich Nachrichten in Zeitungen nach. Dabei bin ich auf das Interview von Michael Köhlmeier in der österreichischen Zeitschrift Der Standard gestoßen. Es wurde von Mia Eidlhuber geführt, die es in Anbetracht des Schicksalsschlags hinsichtlich der tödlich verunfallten Monika Helfer nicht besser hätte machen können. Einzig der Titel „Ich habe sie da oben stehen sehen“: Michael Köhlmeier über sein Leben mit Monika Helfer erscheint mir dann doch ein wenig selbstbewusst und zu groß geraten, aber es ging dabei auch primär um Köhlmeisers neues Buch Mein privates Glück, das kurz nach Monika Helfers Tod im Sommer erschienen ist.

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Wenn ich nicht zu beliebigen Websites abdrifte, lese ich in meinem eBook-Reader. Ich mag dieses Ding nicht besonders, aber er hat mir über den Sommer gute Dienste geleistet und ist mir mittlerweile ein treuer Reisebegleiter geworden. So füllte der eBook-Reader über mehrere Wochen meine Abende bei meiner Wanderung am nordschwedischen Kungsleden. Er trotzte Kälte und Regen sowie Tagen ohne Strom und Internet und erwies sich als sehr verlässlich. Hier, während meines Arbeitsaufenthaltes in der Türkei erweist sich das Ding als unschlagbarer Gewinn, da mir dank Internet sogar eine große Auswahl an Lesestoff zur Verfügung steht.  So habe ich mich schon sehr auf Johanna Sebauers Popom gefreut, das ich mir vorsorglich zu Hause heruntergeladen habe, da ich unsicher war, ob das in der Türkei funktionieren würde, da ja bestimmte Dienste hier gesperrt sind. Das Buch hat mich allerdings überhaupt nicht angesprochen. Kurz dazu: Der Endzwanziger Hendrik Popom trifft in einem Supermarkt zufällig auf sein älteres Ich. Die „beiden“ Protagonisten im Sinne von jung und alt nähern sich an. Vor allem der junge Hendrik, dessen Leben immer verworrener wird, sucht im älteren Hendrik Halt und Zuversicht. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Insgesamt wird der Roman sehr gelobt wegen der philosophischen Hintergründe und des Humors der Autorin Sebauer.

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Vielleicht lag es am eBook-Reader, der ja nur die Seiten abbildet, weil mir hier offenbar etwas entgangen ist. Ich denke wieder an das Interview mit Michael Köhlmeier, an die verstorbene Geschichtenerzählerin – und noch so viel mehr – Monika Helfer und deren Väter, die Köhlmeier als Büchermenschen bezeichnet, was sie miteinander verbunden hat. Es geht doch nichts über ein Buch, das man schwer oder leicht in der Hand hält, dessen Seiten man umblättert und dessen Cover einem immer wieder vor Augen kommt. Außerdem riechen Bücher. Sie haben einen ganz eigenen Duft, nach Papier, Druckerschwärze und manchmal auch nach vergangenen Zeiten. Ein eBook-Reader mag praktisch sein und unzählige Geschichten auf kleinstem Raum versammeln. Aber er bleibt immer nur ein Gerät, das Texte anzeigt. Ein Buch hingegen ist mehr: Es ist ein Stück gelebte Kultur, etwas zum Anfassen, Aufbewahren und Wiederentdecken. Und vielleicht ist es gerade diese sinnliche, persönliche Verbindung, die uns zu Büchermenschen macht.

Frau Krautundrübe

 

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